Ausgabe 
29 (28.2.1869) 9
 
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Die siamesischen Zwillinge.

Die englischen Blätter bringen spaltcnlange Berichte über das siamesische ZwillingS-Paar. Wir entnehmen denselben nachstehende Einzelheiten von allgemeinem Interesse:Das Ligament, welches die Zwillinge verbindet, entspringt aus der unteren Spitze desBrustbeins, und war früher so kurz, daß sie einander nur die Vorderseite ihrer Leiberzukehren konnten. In Folge anhaltender Zerrung während ihrer Kinderjahre wurdenjedoch die unteren Theile des Brustknochcns Beider etwas nach Außen gebogen, und dasLigament selber so stark verlängert (auf etwa 4 Zoll bei einem Umfange von 5 Zoll anseiner stärksten Stelle in der Mitte,) daß sie beinahe Schulter an Schulter neben einanderstehen können, wenn sie ihre Nachbararme.auf dem Rücken verschlingen. Die innereStruktur des Verbindungsbandcs entzog sich bisher leider jeder wissenschaftlichen Unter-suchung, und eine Transparenz desselben ist auch durch Anwendung von starkem Mag-nesiumlicht nicht zu erzielen. An seinem oberen Rande fühlt es sich härter an wahr-scheinlich Fortsetzungen des Brustbcinknorpels und der knorplichen Ausläufer der sechstenund siebenten Nippen während die untere Hälfte mit der Unterlcibshöhle in Verbin-dung zu stehen scheint. Die Nerven eines Jeden der Beiden streifen bis über die Mittedes Bandes, woselbst ein angebrachter Druck Beiden zugleich fühlbar ist; drückt manjedoch weiter reckts oder links, dann fühlt es nur der zunächst Berührte. Aehnlich scheintes sich mit den Blutgefäßen zu verhalten, doch ist das Eine festgestellt, daß sie nichtmit einander kvmmuniziren. Der Hcrzschlag Beider ist getrennt, und dieser sowohl wieder Pnlsschlag bei Beiden nicht ganz übereinstimmend. Ebenso isolirt ist ihre Athem-Bewegung. Anatomisch betrachtet, geben sie uns somit (abgesehen von dem fatalenLigament) das Bild zweier isolirter Individuen. Getrennt ist auch das DenkvermögenBeider, wie sie denn gegen einander eine Partie Schach spielen können oder sich miteinander berathen, wenn sie gemeinschaftlich gegen einen Dritten spielen. Aber dabei hatsich doch bei ihnen durch das ewige Zusammenleben eine gewisse psychische und physischeIdentität herausgebildet, die neben jener Gctrenntheit zu den interessantesten Erscheinungenfür Psychologen und Physiologen gehört. Wie sehr spricht es z. B. für ihre Getrennt-hcit, daß sie den Gedanken fassen können, durch einen chirurgischen Eingriff geschieden zuwerden! Wie sehr anderseits für ihr Zusammengehören, daß sie früher nie selber diesenWunsch gehegt haben, sondern erst spät durch ihre Familien-Angehörigcn auf ihn geleitetworden sein sollen! Die Operation wird wahrscheinlich auch ferner unterbleiben, da fastalle zu Rathe gezogenen Aerzte schwere Bedenken dagegen äußern. Vorzunehmen wäresie auf alle Fälle dann, wenn einer der Beiden sterben sollte, doch ist es das Wahr-scheinlichste, daß eine Krankheit, die den Einen hinraffte, auch dem Anderen gleichzeitigden Tod bringen würde. Naturzwang und vieljährige Gewohnheit haben eS dahin ge-bracht, daß alle Bewegungen und Verrichtungen Beider in strenger Harmonie stehen.Sie bewegen sich wie durch einen einzigen Impuls, ohne frühere Verabredung, und sollensich nur selten mit einander in ein Gespräch einlassen. Doch fühlt Jeder von ihnen denImpuls, der vom Ändern ausgeht, viel rascher, als ein Dritter ihn gewahr wird.Rudern, Jagen, Fischen und andere Vergnügungen, die ihnen ihre Gebundenheit gestattet,üben sie mit Vorliebe, finden aber keine Freude an solchen, wo sie einander als Gegnerentgegentreten müßten, z. V. Schach - oder Kartenspielen.

Haushalten mit dem Pflug und mit dem Schwert.

Unter diesem Titel schreibt der bekannte Menschenfreund Elihu Burrit in seinemneuestenOelblatt für das Volk" u. A.:

Wenn ich reise, denke ich daran und versuche, mich mit der Lage der arbeitendenElaste bekannt zu machen, zu erfahren, wie hoch sich der Wochcnlohn belauft, wie derArbeiter davon seine Familie zu ernähren, bekleiden, unter Dach und Fach zu bringen,