Ausgabe 
29 (28.2.1869) 9
 
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»nd seine Kinder zu erziehen vermag. Ich versuche dann die Steuerlasten abzuwägen,die der Krieg und alle Berthcidigungs-Vorkehrungen während bewaffneten Friedens aufdie Schultern der arbeitenden Classe legen. Ich habe mich daran gewöhnt, die Kostenjener Rüstungen gegenüber Arbeitslöhnen abzuschätzen, und thue dieß in der folgendenWeise: Wenn uns gesagt wird, daß über drei Millionen junge, starke Männer in denArmeen Europa's für den Krieg herangebildet werden, denke ich bei mir selbst, neunzehnvon je zwanzig solcher jungen Leute sind Arbeiter-Söhne. Nun erinnere man sich nurall' der schweren Arbeit auf dem Felde und in der Werkstätte, im Schacht und auf denBergen all' der elterlichen Thränen, harten Schicksale und Sorge», die es gekostethat, diese drei Millionen junger Leute bis zum achtzehnten oder zwanzigsten Lebensjahreaufzubringen! Dann betrachte, ich diese jungen Männer beim Excrciren, und finde, daßsie Alle auserlesen vollkommen gesund, stark und wohlgeformt sind. Der Armec-Chirur-gus hat jeden Einzelnen examinirt und für den Krieg für tüchtig erklärt. Wir habenkeine Chirurgen, deren Amt eS ist, Candidaten oder Rekruten für den Pflug, die Axt,den Hammer oder die Weberbank zu cxaminircn. Krummbeinige, Brustlcidende, Einäugige,von Rheumatismus Geplagte werden gut genug dafür gehalten, die großen Industrie-Armeen der Welt zu recruliren, gerade als ob der Krieg die Blumeulese und der Friededas Unkraut des Menschengeschlechts haben müßte'.

Ich habe ganz England zu Fuß bereist, von Lands und bis zu John o Groats,in den Frühlings- und Sommermonaten. Es ist ein wunderschönes Land. Fast dieganze Insel ist wie ein Garten. Die zu ihrer Bebauung nöthige Arbeit erscheint ganzwunderbar, besonders einem Amerikaner, wie ich bin, und während meines Staunensdenke ich an dies und an das, und bringe es in Vergleich. Es heißt: es erfordertsiebenhundcrttauscnd Feldarbeiter, diese Insel in solch' einen großen, wunderschönen undwunderbar fruchtbaren Garten Hinzuschaffen. Die wöchentlichen Arbeitslöhne belaufen sichim Durchschnitt auf etwa 10 englische Schillinge. Demgemäß die gcsammte Arbeit diesersiebenhundcrttauscnd Männer und Frauen kommt jährlich auf Pfd. Stcrl. 18,000,000(216 Millionen Gulden!) zu stehen; aber was für eine glorreiche Schau grün undgoldener Erntefclder durch die ganze Insel bringen sie nicht auch dafür hervor! Ich kannmich beim Sehen der Bewunderung nicht erwehren. Doch zur selben Zeit kann ich michanderer Gedanken nicht enthalten. Ich betrachte das englische Kriegsbudget für 1866,ein Jahr bewaffneten Friedens, und finde Pfd. St. 26,000,000 (312 Mill. Gulden!)als die Auslagenkosten lediglich für Kriegsrüstungcn, noch obencin in einem Friedens-Iahre, verzeichnet! Das macht Pfd. St. 2 (24 fl.) für den Pflug, gegenüber denPfd. St. 3 (36 fl.) die das Schwert in Friedcnszeit kostet! Solch ein Vergleich erweckttraurige Gedanken an Ernährer und Verzehren. Ich erinnere mich, gehört zu haben,wie einmal im brittischen Parlament erwähnt wurde, daß eine gewisse neu erfundeneBombe für den Gebrauch fertig Pfd. St. 11 (132 fl.) kostete. In d§m Fall würde esdie harte Arbeit eines guten Pflügcrs, Mähers oder anderen Fcldarbcitcrs sechs langeMonate hindurch erfordern, nur für eins dieser Tod verbreitenden Geschosse zu bezahlen!

Wie viel ehrliche, rechtschaffene, geduldige Arbeit wird nicht von dem Wolfsrachendes Krieges verschlungen!

Was haben Sie heute mit meinem Sohne gelehrt?" frug ein Börsianer den Er-zieher seines einzigen Sohnes, einen hoffnungsvollen Jungen, der sein Sparbllchsengelddem Vater zur besseren Verwerthung übergibt.Ich erklärte ihm die Sonnenbahn,"erwiedert der Lehrer.Erklären Sie ihm die Nordbahn, das ist mir lieber," ruftder Alte.

Druck, Verlag und Redaction deS Literarischen Instituts von Dr. M. Huttler.