Ausgabe 
29 (7.3.1869) 10
 
Einzelbild herunterladen

74

Haben Sie sich über mich zu beklagen?" fragte Fleischer.Handle ich nicht gegenPflicht und Gewisien, indem ich mich blind für Ihre Wuchereien stelle? Aber dafürverlange ich vollständige Verschwiegenheit von Ihnen. Sie wissen, ich besitze dieMacht, Sie in's Unglück zu stürzen, und bin nicht der Mann, der sich mit leerenDrohungen begnügt."

Der Wucherer neigte stumm das Haupt. Dann zog er ein Papier aus seinemPortefeuille und überreichte eS dem alten Herrn.

Mit gierigen Händen empfing es Fleischer und warf einen prüfenden Blick auf dasDokument. Wie ein Triumph der Freude leuchtete es aus seinen Augen.

Wahr, wahr," murmelte er vor sich hin.Die Zahl ist gefälscht, ein Schulknabewürde sich dieses groben Betruges schämen, so mangelhaft hat er die Hand nachgeahmt.Ja, daran erkenne ich den Elenden, dessen Leichtsinn mir das Herz Leonorens entriß.Was verlangen Sie für dieses Papier?" fragte er, das Papier zusammenfaltend und eszu sich steckend, als fürchte er, daß ihm Jemand dasselbe entreißen könnte.

Bestimmen Sie selbst den Preis, Herr Direktor. Mit Ihnen mache ich keineGeschäfte."

Der Direktor erhob sich und trat in das Balkonzimmer. Nach wenigen Augen-blicken erschien er wieder, in jeder Hand eine Goldrolle, die er dem Wucherer einhändigte.Hier ist Ihre Auslage und fünfhundert Thaler darüber," sagte er kurz.Sie habenmir durch Ankauf dieses Papieres einen größeren Dienst erwiesen, als Sie wohl selbermeinen."

So hassen Sie den Baron sehr?" fragte der Wucherer neugierig,daß Siebegierig jeden Beweis seiner Schuld sammeln."

Ein Kaufmann verräth nicht, welche Geschäfte er mit erworbenen Waaren macht,"entgegnete Fleischer trocken.Entweder Haffe ich Duroy bis zur Vernichtung, oder meineNeigung zu ihm geht so weit, ihm eines Tages als unbekannter Freund sämmtlicheSchuldscheine versiegelt durch die Post einzusenden. Wer kann es wissen? Aber jetztersuche ich Sie, mich allein zu lassen, ich habe zu arbeiten!" fügte er gebieterisch hinzu.

Gehorsam verneigte sich der Goldmann, und entfernte sich; gedankenvoll blickte ihmder Direktor nach.

Elende Creaturen," murmelte er vor sich hin,und Euch nennt man das EbenbildGottes ! Verrath, Falschheit und Egoismus sind die Hebel, die den Organismus desWeltalls bewegen. Eure Schlechtigkeit hat mein Leben zerstört, kann die erhabene Gerech-tigkeit mich verdammen, wenn ich zürnend »vor Euch trete und fordere von Euch meinverlorenes Glück; und da ihr's mir zu gewähren nicht vermögct, mir selbst ein Glücksuche, indem ich meinen Haß gegen die Welt, den ich Jahre lang tief verhüllt im Busentrage, über Einen ergieße, der mir bitter wehe gethan. Wahre Dich, Leopold vonDuroy, die Vergeltung, die ich Dir schwur, da ich Leonore in Deinen Armen traf, sieist herangenaht; daß Dein Vermögen durch Deine Verschwendung nach und nach in meineHände kam, das genügte mir nicht, denn kein verarmter Edelmann konnte noch das Mit-leid erregen, ich brauchte mehr, bis die Stunde schlagen durfte, Dich zu verderben. Undsie ist da, denn ich besitze Deine Ehre, Leopold von Duroy."

Ein unterdrückter Aufschrei unterbrach ihn und ließ ihn sich umschauen. In derBalkonthür stand Angelika todtenbleich, es war ersichtlich, daß sie die Worte des Oheimsvernommen hatte.

Der Alte wandte sich mit dem Ausdruck des Zornes nm.Du hast gelauscht!"rief er heftig.Seit wann ist es Sitte, ungerufen Dich in meine geheimsten Gedankenzu drängen?"

Zürnen Sie mir," rief Angelika,wenn ich die Einflüsterungen eines finsterenDämons zu verscheuchen versuche? O mein Oheim," fuhr sie flehend fort,dieser Lin-denau, der mir in tiefster Seele verhaßt ist, muß Ihnen schreckliche Kunde gebracht haben.