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„So vernehmen Sie denn auch von mir ein Geständniß, mein Oheim; indem Sieden Namen Duroy schänden, brechen Sie daS Herz Ihrer Nichte; denn ich bin sieben-unddrcißig Jahre wohlgezählt — wie Sie eben bemerkten — und liebe Rndolph v. Duroy !"
„Angelika!" schrie der Alte auf, „Du, meine Nichte, liebst den Sohn deS Mannes,den ich hasse und verwünsche? — Wehe Dir." Und mit beiden Händen bedeckte ersein Antlitz.
Eine tiefe Stille entstand im Gemach; draußen auf dem Geländer deS Balkonshatte sich ein bunter Vogel niedergelassen und sang sein schmetterndes Morgenlied. Waskümmerten ihn die Menschen da drinnen mit ihren Leidenschaften und Enttäuschungen?
Angelika war es zuerst, die das Schweigen brach. „Nun, Oheim," begann sie,„wiegt mein Leid nicht das Ihre auf? O, wer hat die Nächte gezählt, die ich nacheinem Begegnen mit ihm schlaflos und weinend auf meinem Lager verbrachte? Werzählt die Thränen, die die Erinnerung an Rndolph meinen Augen gekostet? Ich sahihn umschwärmt von lichten jugendlichen Gestalten, deren Abgott er war, sah die feurigenMädchenblicke, die um einen Wink seines Auges, um ein Lächeln seines Mundes buhlten,und dann mich, die verblühte Jungfrau, mit meinen enttäuschten Hoffnungen, mit meinenzertrümmerten Idealen und mit meinem Herzen voll unendlicher Liebe. Denn ach, dieso lang unterdrückte Natur rächt sich mit doppelter Heftigkeit. Ich suchte den gefährlichenZauber zu bannen, von dem ich mich umstrickt sah, die crzürnre Vernunft hielt in einemehernen Spiegel dem bethörten Herzen Alles vor, was die strenge Nichterin vorzuhaltenvermag; vergebens, weil ich wider die Natur in eitlem Hochmuth einst jeden Mannverschmähte, liebe ich jetzt in meinem Alter wider die Natur einen Jüngling, glühend,unaussprechlich. Jetzt wissen Sie Alles, mein Oheim," endete sie, indem sich die langzurückgepreßtcn Thränen gewaltsam Bahn brachen.
Der Greis blieb stumm; in den alten gefurchten Zügen arbeitete es gewaltig; einmächtiger Entschluß schien in seinem Herzen Wurzel zu schlagen.
„Es ist gut, Angelika," sagte er endlich mit gepreßter Stimme. „Armes Mädchen,Dein Unglück ist zu groß, als daß ich Dir zürnen könnte! Liebte ich nicht noch Leo«uoren auf dem Sterbebette mit heißer, leidenschaftlicher Glut — was sollte ich eS Dirverargen, wenn Dein Herz sich zu weicheren Gefühlen hinreißen läßt? Aber, Angelika,ist auch der Mann Deines Herzens werth? Welche Talente geben ihn in Deinen Augenden Vorzug? Welche Thaten sind es, welcher Ruhm, der Dich an ihn fesselt? Ange-lika, ich hätte Dich für weiser gehalten, als daß Du einer Larve der Jugend und Anmuthden Vorzug über Talent und ManncSwürde einräumen könntest. Aber gleichviel, das Unheilist da," unterbrach er sich, „glaubst Du, daß Rndolph um Deine Neigung weiß?"
Das Mädchen schüttelte traurig das Haupt. „Nimmer soll er dieses Geheimnißerfahren," erwiederte sie, „tief verschlossen will ich'S im Busen tragen, bis sich das Grabwölbt über mich und meinen Gram. Ach, ich bin ja schon zufrieden, wenn ich einfreundliches Wort, ein mildes Lächeln von ihm erhäsche. Was kann eine alte Jungfermehr begehren? Ja, und wenn sie es wüßten, dies unselige Geheimniß, alle die Frauenund Mädchen in der Stadt, die mir Freundschaft heucheln, wie sie spötteln würden übermich, und mein Herz und meine Ehre mit tausend Dolchstichen durchbohren? MeinOheim, lassen Sie mich schweigen! Aber mein Unglück stehe um Gnade für den Schuld-losen; der wahrhaft Leidende hat Thränen, keinen Haß.
„Thränen dem Frauenzimmer, Haß und Rache dem Mann!" unterbrach sie derDirektor. „Oder meinst Du, ich werde dieser Liebe halber den heiligsten der Schwürebrechen, den ich je gethan? Aber vielleicht ist auch für Dich noch Hülfe, ohne daß ich'mein Gclöbniß breche?"
„Hülfe!" wiederholte Angelika schmerzlich lächelnd. „Niemals, Oheim. Versuchtauch nicht mein Leid zu mindern. Einer Hoffnungslosen Trost zusprechen wollen, heißtFeuer in eine Wunde gießen. Für mich gibt es keine Hülfe, als den Tod!" (Forts, f.)