Ausgabe 
29 (7.3.1869) 10
 
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Die W i n t e r d e ck r.

Laß' dir's nicht gcdeihn zu Leide,Wenn mit Schnee als ihrem KleideGott die Erde hüllet ein,

Weil es jetzt soll Winter sein!

Flur im eisigen Gewände,Eingeengt in starre Bande,

Bist zum Denkmal mir gesetzt,Wie es wird mit mir zuletzt!

Ruhe hat der Herr und FriedenIhr zu dieser Zeit beschicken,Legt auf sie ein weißes Tuch,

Zhr zum Schmucke, nicht zum Fluch.

So werd' ich begraben liegen,

In ein enges Bett mich schmiegen,Wann der Tod den Kuß gereicht,Und mein Antlitz ist erbleicht.

Herr, wie du auf weiter Strecke

Gibst der Flur jetzt Schnee zur Decke:

Laß' auch so für mein GebeinGnade einst die Decke sein!

Neubildung des Gehirns.

Herr v. Parville erwähnt in der wissenschaftlichen Uebersicht des offiziellen Journalsden merkwürdigen Fall von Amputation und Wiedererzeugung der Gehirn-Hemisphären,die namentlich das Resultat der jüngsten Forschungen des Herrn Voit von der MünchenerAkademie sind. Seit 1822 zeigte FlourenS bis zur äußersten Evidenz, daß es beiverschiedenen Thieren möglich sei, einen ganzen Gehirnlappcn hinwegzunchmen, ohnedadurch ihren Tod herbeizuführen. Er ging noch weiter. Er nahm Katzen, Kaninchen,öffnete deren Schädel mit Vorsicht und nahm daS Gehirn heraus. Katzen und Kaninchenlebten noch ein Jahr nach dieser Operation. Leben ist also auch ohne Gehirn möglich.Nur verlieren die auf diese Weise verstümmelten Thiere alle Sinne und ihre Vernunft,und sind auf den Zustand einfacher Automaten reduzirt. Dasselbe Experiment kann auchmit dem kleinen Gehirn gemacht werden. Da dieses jedoch daS die Bewegungen regn«lirende Organ ist, so bewegt sich das betreffende Thier nur nach dem Zufalle fort; eSgleicht einem Betrunkenen und ist wirklich ein Kopf ohne Hirn! Herr Voit von München hat ein noch sonderbareres Resultat erlangt. Er hat mehreren Tauben daS Gehirn weg»genommen, und nach einigen Monaten konslatirte er zu seinem Erstaunen, daß sich das-selbe erneuert hatte. Das Gehirn war wieder gewachsen. Nach der Wegnahme desGehirns, sagt der gelehrte Physiolog-, stecken die Tauben ihren Kopf unter einen Flügelund bleiben unbeweglich. Die Augen sind geschloffen und sie scheinen zu schlafen. DieserZustand dauert einige Wochen. Dann erwachen sie endlich auS ihrem scheinbaren Schlafe,öffnen ihre Augen und beginnen zu stiegen; sie vermeiden dabei alle Hindernisse undentwischen denen, welche sie greifen wollen. So ist eS sehr klar, daß sie wieder sehr gutsehen und hören. Einige dieser Thiere wurden fünf Monate nach der Operation getödtet,und man fand in der Hirnschale eine weiße Masse vor, die gänzlich von der Consistenzund dem Aussehen der weißen Gchirnmassc, und auch zudem in zwei Gehirnlappcn<Dobi oorebri) getheilt war. In jeder der beiden neuen Hemisphären bemerkte maneine kleine Stelle, die mit Flüssigkeit gefüllt war, und zwischen beiden eine Scheidewand(8eptum.) Die Masse bestand aus primitiven, zweimal gewundenen Nervenfasern, undaus unzweifelhaften Ganglienzellen. So hatte sich also das Gehirn innerhalb einigerMonate neu gebildet, und das neue Organ seine vollständige funktionelle Thätigkeitaufgenommen.