Ausgabe 
29 (14.3.1869) 11
 
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Nro. 11.

14. März 1869.

Augsbnrgee

Die Heimatb ist süß: wo man geboren ist. dünkt einem Luft und Wasser gut: wo sie»eine Sprache verstehen, ist mein Herz. Tieck .

Die Entsagende«.

(Fortsetzung.)

Der Direktor erhob sich, mit starken Schritten durchmaß er das Zimmer, halblauteWorte vor sich hiumurmelnd.

Ja," sagte er,so soll es sein. Sein Leben sei fortan eine Kette der Qual.In den Leiden seines Sohnes sehe er die Strafe seiner Schändlichkeit. Und Nudolphwilligt ein, deß bin ich gewiß, denn er ist stolz auf seinen Namen und liebt seinenVater. Angelika," fuhr er laut zu seiner Nichte gewendet fort,richte Dich auf, Thränenund Seufzer schicken sich schlecht für eine glückliche Braut, denn ehe acht Tage verstreichen,bist Du verlobt."

Sie sind grausam, Oheim," flüsterte Angelika,habe ich solchen Scherz verdient?*

Bist Du verlobt jmit Nudolph von Duroy," fuhr der Greis mit herbemTone fort.

Angelika erbleichte.Und sprächen Sie Wahrheit," rief sie,hätten Sie die Macht,den Zauber über Vater und Sohn niemals würde ich mich Rudolph's Braut nennen,denn haben Sie auch die Macht, meine Jugend, meine Schönheit zurückzurufen?"

Wie?" fragte Fleischer erstaunt.Und käme Nudolph freiwillig, ungezwungen,«nd böte Dir seine Hand, Du würdest sie zurückweisen? Und dennoch, sagst Du, liebstDu ihn?"

Eben weil ich ihn liebe, würde ich ihn zurückweisen," erwiederte Angelika fest.Soll ich sein ganzes Lcbensglück vernichten? Was soll der lebenöfrische Jüngling ander Seite einer alternden Frau? Was mit einer Greisin, wenn sich seine kräftigstenManncsjahrr entwickeln? Und sänke er jetzt zu meinen Füßen und flehte um meineHand, ich würde ihn zurückstoßen und starben."

Ich dächte, über die Jahre der Schwärmerei seiest Du hinaus," spöttele derDirektor.Und gedenkst Du nicht des Neides der ganzen Stadt, wenn er, den zu be-sitzen die ersten Familien alle Mittel entfalten, zu Deinen Füßen liegt? Schwillt DeinHerz nicht bei dem Gedanken, die Macht zu besitzen, dem geliebten Jüngling ein. Lebenohne Sorge von Liebe gekrönt zu verschaffen? Beseligt Dich nicht das Gefühl, daß erAlles, Alles durch Dich erlangt, und wird nicht jeder Tag, jede Stunde Eurer EheZeuge Deiner freigebigen Liebe gegen ihn sein?"

Weh Ihnen, Oheim," flüsterte Angelika kaum hörbar, das Antlitz verhüllend.Sie versuchen mich!"

Und" fuhr der Direktor, dessen Augen funkelten fort,und wer sagt Dir,daß Du nicht mehr im Stande bist, Gefühle der Liebe in Männerherzen zu erwecken!Haben die Jahre Dir das Geringste von Deiner körperlichen und geistigen Anmuth ge-raubt? Tritt hin vor den Spiegel und frage Dich selber: ob Du es nicht mit allencoquctten Zierpuppen der Residenz aufzunehmen vermagst? Und wer sagt Dir, ob DeinNudolph nicht die vergängliche Schönheit der Jugend die der dauernden des Herzens.nachzustellen vermag."