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Ein Zug unaussprechlichen Glückes belebte für einen Moment das feine AntlitzAngelika'«, aber sogleich kam sie zu sich.
„Oheim," sagte sie sehr ernst, „was sollen Eure Worte? Entweder treiben Sieeinen grausamen Scherz mit mir, indem Sie mir Unerreichbares malten, oder Sie habeneine tiefere Absicht, die ich nicht zu ergründen vermag. Oheim," fuhr sie fort, „vergaßenSie, indem Sie diese Worte sprachen, daß Sie Rudolphs Vater tödtlichen Haßgeschworen?"
„Nie dachte ich mehr daran, als in jenen Augenblicken," erwiederte der Direktor.„Aber noch ist der Augenblick nicht gekommen, meine Absichten, meine Pläne Dir vordie Seele zu legen. Noch strömt und wogt es in mir w« ein brandendes Meer. —Geh' Angelika," fuhr er milder fort, „laß mich allein und gib Befehl, daß man an-spanne."
„Und wohin wollen Sie in so früher Morgenstunde?"
„Wohin ich will? Zu Duroys und die Herren aus dem Bette holen!" rief derDirektor.
Angelika wollte antworten, aber ein befehlender Wink ihres Oheims schloß ihr denMund. Sie verließ das Zimmer; während der Direktor heftig erregt auf- undniederschreit.
„Leonore," murmelte er, „ich halte mein Wort, um den Schwur zu erfüllen, denich einst Dir geweiht, bereite ich auch das Unglück eines Mädchens, das ich liebe wiemein eigen Kind. Aber die Rache ist furchtbar, wie die sein sollte, die ich an deinemerkalteten Leichnam gelobte. Wie ein nagender Gewissensbiß stehe es täglich vor deinenAugen, daß durch deine Schuld dein Sohn entweder ein Bettler, der Sohn eines Fäl-schers oder ein Gegenstand des Spottes sein wird; denn Angelika'S bin ich sicher, Weibbleibt Weib, und jede wahre Liebe ist egoistisch."
Festen Schrittes begab er sich nach seinem Zimmer und kleidete sich, denn einesDieners bedurfte er nicht, in einen einfachen weiten Ueberzicher. Dann trat er an denSchreibtisch und einer Schieblade mehrere Papiere entnehmend, die er nebst dem WechselLindcnau's in sein Portefeuille legte, stieg er langsam die Treppe herab, wo am Ein-gänge des Hauses der prunklosc Wagen seiner harrte.
„Nach Schloß Duroy!" befahl er kurz, sich in die Ecke des Wagens werfend undnicht der erstaunten Miene des Kutschers achtend, womit dieser seiner Weisung nachkam.
Aber er achtete auch nicht darauf, daß das bleiche Antlitz seiner Nichte vom Balkonverborgen seiner Abfahrt zusah. Ihr Antlitz war von Thränen überfluthet, rmd dochleuchtete eine selige Hoffnung aus ihren Mienen.
So stand sie da, lange unbeweglich, bis der Wagen des Direktors ihren Blickenentschwunden war. Noch immer sang der Vogel sein lustiges Lied, aber ihr war zuMuthe, als sollte sie sterben, als drohe das Herz, seine Baude zu sprengen. IhreLippen murmelten ihr selbst unbewußt de> Namen desjenigen, dessen Bild ihre ganzeSeele erfüllte. Rudolph hieß ihr Sein, Nudolph das Gebet, das sie brünstig zumklaren Morgcnhimmel emporsteigen ließ, voll von unendlichem Jubel, voll unendlichenSchmerzes.
Während Direktor Fleischer seinen Weg dem Duroy'schen Schlöffe zu nahm, befandsich Vater und Sohn im Cabinettc des Ersteren, in tiefer, ernster Unterhaltung. Demalteu Baron sah man auf den ersten Blick den Lebemann an. Trotz seines weißenHaares war sein Antlitz frisch und blühend, und seine Figur, die sich zur Corpulenzneigte, ungebeugt. Seine hellen blauen Augen blickten vertrauend und wohlwollend indie Welt, als seien dieselben ein Buch, woraus sich nur Angenehmes und Heiteres lesenlasse. Nicht so Rudolph. Von hoher Gestalt trug sein bleiches Antlitz, das dunkelbraunesseidenes weiches Haar umlockte, und dessen Farbe zart, wie das eines Mädchens erschien.