Ausgabe 
29 (14.3.1869) 11
 
Einzelbild herunterladen

83

den Ausdruck eines geheimen Grames. Das dunkle Auge, das lange Wimpern beschat-teten, blickte milde und seelenvoll, und die erhabene Stirn trug den Stempel höhererBegabung. Vater und Sohn schienen noch nicht zur Ruhe gegangen, denn Beide befan-den sich noch in ihren festlichen Kleidern. Der Alte trug einen blauen Frack,, den gol-dene Knöpfe zierten; Rudolf ein einfaches schwarzes Habit über seine weiße Seidcnweste.Die Unterhaltung mußte von Wichtigkeit sein, denn das Auge Nudolphs war fest aufseinen Vater geheftet und mit der größten Spannung schien er seinen Worten zu lauschen.

Es ist, wie ich Dir sage, Rudolph," fuhr der Alte fort,ich halte es für diehöchste Zeit, daß Du an eine Heirath denkst. Dir steht die Wahl unter den erstenErbinnen des Landes frei, Reichthum winkt Dir, verbunden mit Adel und Schönheit,also was zauderst Du? So viele der Mädchen habe ich Deinetwillen in den ver-flossenen Stunden in diesem Salon vereint, war denn Keine darunter, die Dein Herz zufesseln vermochte."

Keine, mein Vater," erwiederte der junge Mann,was sollen mir diese Puppen,deren Seele in ihren Roben, und deren Geist in ihren Coiffurcn steckt? Unter alleuMädchen der Residenz gibt es nur eines, das dauernd mein Herz fesseln könnte, wennsie nicht beinahe dem Alter nach meine Mutter sein könnte Angelika Fleischer."

Der Baron fuhr zusammen.Wie kommst Du auf diesen Namen? Weißt Dunicht, daß der Direktor und ich gespannt sind, obschon ich nicht weiß, was ihn fürBeweggründe treiben?"

Es war nur eine Bemerkung, mein Vater," erwiderte Rudolph.Angelika alleingleicht jenem Mädchen, das mein Herz entflammte und deren Erinnerung ewig ei»Traumbild für mich bleiben wird, unerreichbar und vergangen."

Der alte Herr crschrack sichtbar.Du liebst?" fragte er;Dein Herz ist nicht freiund erst heute erfahre ich, Dein Vater, der kein Geheimniß für Dich hat, dessen einzigesGlück Du bist, dies Geheimniß?"

Was sollt' ich eine Wunde vergrößern, die ich nicht zu heilen vermag," versetzteRudolph.Ja, magst Du es denn wissen, mein Vater, ich liebe, liebe einen Engel."

Und ihr Name, ihr Stand?" drängte der Alte.

Ihren Namen kenne ich nicht, ihr Stand war Gouvernante," erwiederte er leise.

Unglücklicher!" rief der Baron,wir sind verloren, wenn diese Liebe mehr alseine bloße Phantasie sein sollte, denn ich kenne Deinen Starrsinn. Aber erzähle, erzähle,"fuhr er fort.Laß mich Alles wissen, zu Deinem, zu meinem Heil."

Es können zwei Jahre verstrichen sein," begann Rudolph,als ich mich in Wies-baden befand. Durch Ihre Güte, mein Vater, war ich in den Stand gesetzt, die geringstemeiner Launen befriedigt zu sehen, und doch gab es Momente, wo ich dieser Eristenzmüde ward, so glanzvoll sie auch dem Auge des Oberflächlichen scheinen mochte. Ichhatte Alles, was das menschliche Dasein zu schmücken vermag, und eben das Uebermaßmachte mich unglücklich. Ich achtete keinen Fraucnwcrth, denn von allen Seiten kamman mir huldigend entgegen; für mich gab es keine Blume mehr, die ich pflücken mochte.So in trüben Gedanken versunken, wandelte ich eines Nachmittags durch ein dichtesGehölz, meinen Unmuth, meine Hypochondrie dein Auge froher Genossen entziehend.Alles war tief stille. Die Sonne sandte ihre letzten Strahlen durch das Grün, das sichzu beiden Seiten des Pfades, wie eine verschwiegene Laube über den Wanderer schloß.Die Vögel, ermattet von der Hitze deS Tages, waren verstummt, nur hin und wiederdrang leise ein süßer Ton durch die Einsamkeit. Da vernahm mein Ohr plötzlich denTon einer wundcrlicblichcn Stimme, wie ich sie noch nie gehört hatte. Es war keineKunst, die aus jenen Lauten sprach, aber ein tiefes Gefühl wehte aus jedem Hauche,das mächtig zum Herzen drang. Neugierig folgte ich dem verführerischen Klänge, bis ichendlich an einen freien Platz des WaldcS gelangend, die geheimnißvollc Sängerin erblickte.Am Rande einer sprudelnden Quelle, das sein Plätschern harmonisch mit ihrem Gesangs^