Ausgabe 
29 (14.3.1869) 11
 
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»erwischte, saß ein junges Mädchen von unendlich zarter Gestalt, in ein hochreichendesschlichtes weißes Gewand gehüllt. Bor ihr stand ein Knabe von vier bis fünf Jahren,eifrig beschäftigt, ihr Waldblumen zuzureichen, die sie kunstvoll zu einem Kranzezusammen wand.

Die Scene, die sich meinem Auge darbot, war so lieblich, daß ich ungesehen vonder Fremden, wie gefesselt stehen blieb. Nie hatte ich geliebt, das fühlte ich in diesemAugenblick, denn zum ersten Male klopfte mein Herz, als ob neue Lebenskraft in ihmerwacht klopften hörbar meine Pulse.

So schön war mir noch nie ein Weib erschienen; ein unbewußter Zauber derJungfräulichkeit, fern von aller Coqucttcrie, lag über ihr ganzes Wesen verbreitet, undfrei und unbefangen blickte ihr Helles blaues Auge aus dem zarten Antlitz, das von dicken,hellblonden Flechten umrahmt war.

Ein Ausruf des Kleinen, der meine Anwesenheit bemerkt hatte, veranlaßte mich,näher zu treten. Erschrocken über die Gegenwart eines Fremden, erhob sich die schöneSängerin, deren Wange ein hohes Noth überflog.

Verzeihen Sie meine Zudringlichkeit, mein Fräulein," begann ich schüchtern,ichvergaß der Gegenwart und träumte von vergangenen Zeiten, wo noch die Waldfee denJägersmann mit holder Stimme lockte in ihr ewig grünes Reich, und selbst jetzt, da ichIhnen gegenüber stehe, ist dieser Zauber nicht entschwunden."

Er wird sogleich schwinden," versetzte das junge Mädchen schelmisch,wenn Siegeneigt wären, einen Blick auf ihre Toilette zu werfen; ich zweifle, ob der Jäger derSage sich jemals in Frack und Lacksticfcl zu den Füßen der Waldnymphe begeben hat."

Der unbefangene Scherz gab auch mir meine Fassung tvicder. Ich näherte michihr, und ein Gespräch entspann sich zwischen uns. Die Minuten verflossen uns wie einTraum, ich sah das Auge des Mädchens mit dem Ausdruck der Theilnahme auf michgerichtet. Und ich ward wärmer und wärmer, ich schilderte ihr meine Vereinsamkeit, dieLeere, die sich meines ganzen Daseins bemächtigt hatte.

Sie nennen sich unglücklich," fragte sie ernst.Sie haben wahrscheinlich im Besitzder Erdengütcr Ihre Kräfte im Genusse erschöpft, haben Sie aber auch kein Gefühl, keineKraft mehr für die Zahllosen, die der Hülfe bedürfen? Die Kreise, in denen Sie sichsonst wohl fühlten, widern Sie an, sind Sie aber auch schon hinabgestiegen in die Kreiseder leidenden Menschheit? Gehen Sie hin, mein Herr, und wenn Sie die erste Thränedes Unglücks getrocknet haben, dann will ich Sie wieder fragen, ob das Leben noch ohneReiz sür Sie ist. Ihr Dasein langweilt Sie, weil Sie es nicht zu verwenden wissen.Widmen Sie der Menschheit die geistigen Fähigkeiten, die Sie bis jetzt in nutzlosenSchnörkclcien vergeudet, und Sie werden das Dasein segnen, statt es wie eine Bürdezu betrachten."

Noch nie hatte das Wort eines Mädchens einen solchen Eindruck auf mich hervor-gebracht. Mein Herz erlag dem Zauber, ich sank zu den Füßen der Fremden.Ja,"rief ich,wohl fühlt meine Seele, wie recht Du hast, ja, die Ahnung eines neuenLebens dämmert vor meiner Seele auf. Aber nur an Deiner Hand will ich die ver-hängnißvolle Schwelle überschreiten; Du sollst die Führerin sein, die mich leitet. Meinsei, himmlisches Mädchen, und wärest Du arm und niedrig, Dein Herz adelt DeineGeburt. Ich bin der Baron Rudolph"

Nicht weiter!" unterbrach mich das Mädchen.Ich will keinen Namen wissen.Wie, Herr Baron, in unbegränztcm Leichtsinn wollen Sie die Minute einer romantischenStimmung über Ihr ganzes LebcnSglück entscheiden lassen? Nimmer darf ich Sie hören,nichts soll mich bestimmen, meinen einfachen Namen, meine Armuth an ein edles hoch-geborenes Dasein zu knüpfen. Denn ich bin arm, bin Gouvernante dieses Kindes."

Betäubt schwieg ich einen Moment. Das Bild meiner Eltern trat vor mein«Sinne. Ich kannte den Werth, den Sie, Vater, und vorzüglich die verstorbene Mutter