Ausgabe 
29 (14.3.1869) 11
 
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auf den Adel legten und stumm und rathlvs stand ich da. Die kindliche Pflicht kämpftemit der Leidenschaft des Moments.

Das Mädchen näherte sich mir, den Knaben an der Hand, wie zum Fortganggerüstet.

Warum beschwören Sie den Zauber des Waldes?" sagte sie sanft, indem eineglänzende Thräne in ihrem Auge zitterte,die meisten Mährchcn enden traurig. DerTraum ist vorbei,- und die kalte Wirklichkeit tritt in ihre Rechte. Lasten Sie unsscheiden, und wenn der Strudel des Badclebens uns zusammenführt, so wollen wir nichtdieser Augenblicke gedenken, denn sie waren heilig, eine profane Erinnerung würde sieentweihen."

Kann die Erinnerung an Dich jemals aus meiner Seele schwinden?" rief ichglühend.O sage mir Deinen Namen, daß ich ihn tief im Herzen tragen kann, wieeinen süßen Talismann, wenn nur"

Ich heiße Angelika!" flüsterte das Mädchen kaum hörbar.Leben Sie wohl,Herr Baron."

Angelika!" wiederholte ich glühend,ja ein Engel warst Du für mich, mein guterEngel sollst Du ferner sein."

Da klangen Tritte durch den Wald, ein Geräusch von Stimmen ward laut, dasjnnge Mädchen verschwand mit dem Knaben und ich blieb allein eine Beute der wechsel-vollsten Empfindungen. Aber nur zu bald ward ich zu neuer Thatkraft empor gerüttelt.Mir galten die Stimmen, man suchte mich an allen Enden, und hier endlich an derStätte, wo ich das wahrste, reinste Glück des Lebens genossen hatte, traf mich Ihre Bot-schaft, die mich an das Sterbelager der Mutter rief."

Und sahst Du sie niemals wieder?" fragte der Baron, der mit sichtbarem Interesseder Erzählung seines Sohnes zuhörte.

Niemals!" erwiederte der junge Mann.Der Verlust meiner geliebten Mutterbeugte mich so schwer darnieder, daß ich keinen anderen Gefühlen, als denen der Trauerin meinem Herzen Raum zu geben vermochte. Und als endlich die Erinnerung anAngelika, die nie ganz verschwunden war, aufs Neue in mir erwachte, war jede Spurdes Mädchens verschollen, man kannte nicht einmal ihren Namen, denn die russischeFamilie, in deren Begleitung sie Wiesbaden besuchte, hatte noch am selben Tage meinerAbreise, durch ein Familien-Ereigniß gezwungen, das Bad verlassen. Aber seit jenerStunde, wo ich zum ersten Mal wahrhaft lieben gelernt hatte, wuchs mein Vorurtheilgegen jene Frauen, die durch Manirirtheit und Coguctterie um die Gunst der Männerbuhlen. Einer nur gehört mein Herz, wenn ihr auch niemals meine Hand gehören darf."

(Fortsetzung folgt.)

Verzeihe!

Der Tod stürmt oft in's Haus hinein.Klopft nicht an's Thor erst sacht:

Wer Abends noch des Lebens froh,

Kann sterben über Nacht.

Und hat Dich einer schwer betrübt,

Sollst Du ihm doch verzeih'n.

Es breche über Deinem ZornDer Abend nicht herein!

Gar Manchem ward das Sterben schwer.Der nicht mehr konnt' verzeih'n:

Den Groll in Deinem Herzen nimmNicht mit in's Grab hinein!