Ausgabe 
29 (28.3.1869) 13
 
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Der Direktor faßte ihn scharf in'S Auge.Sie werden Ihr Wort halten, deßbin ich gewiß," sagte er langsam,denn von einem Gedanken der Flucht kann nichtdie Ncde sein, wenn Sie sich nicht bis zum Aeußersten compromittiren wollen. Von demAugenblick an, wo ich Ihr Schloß verlasse, ist jeder Ihrer Schritte bewacht. Also aufWiedersehen morgen Vormittag!"

Und ohne den Gegengruß des Barons abzuwarten, der auch wohl schwerlich erfolgtwäre, verließ,der Direktor festen Schrittes Zimmer und Wohnung seines Feindes.

Die kurze Unterredung der beiden ehemaligen freunde hatte bewirkt, was nun baldsiebzig langen Jahren nicht gelungen war Baron Leopold war in diesen Augenblickenwirklich zum Greise geworden Seine Hände zitterten und die Augen lagen tief einge-fallen in ihren Höhlen. So zerstört ein rauher Nord in einer einzigen Nacht die letzteRose des Sommers, die der Gärtner mühsam vor jedem Einfluß zu schützen versucht hat.

Leonore!" murmelte er vor sich hin,vergib mir, was ich an Dir gethan,flehe am Throne deS ewigen Richters, daß er von mir nehme die entsetzliche Schuldmeines Lebens."

Nach diesem kurzen Gebet suchte er seine Kräfte zu sammeln, um Rudolph auf dieKunde vorzubereiten, die der Direktor ihm aufgetragen hatte vergebens> die Er-innerung an seine Schuld lähmte die Kräfte seines Geistes wohin er blickte, sah ersich bedroht, entehrt in der Gewalt eines unerbittlichen Feindes. In diesem Zustandhalber Betäubung traf ihn Rudolph, der leise das Cabinet seines Vaters wieder betrat.Er crschrack über die furchtbare Veränderung, die die wenigen Minuten des Alleinseinsmit dem fremden Manne im Antlitz des BaronS hervorgebracht hallen.

Der Alte schien ihn nicht zu bemerken. Seine zusammengepreßten Lippen murmeltenunartikulirte Laute vor sich hin. Erst die Anrede Rudolphs schreckte ihn empor.

Um Gottes willen, was ist geschehen?" fragte der junge Mann angstvoll,ant-worte, mein Vater, welche entsetzliche Kunde brachte Dir jener Mann, dessen Auge kaltund forschend auf mich ruhte, als wolle er die geheimsten Winkel meiner Seele erspähen.Fürchte nicht, mir Alles zu enthüllen und sollte es mein eigenes Dasein betreffen, ichbin auf Alles gefaßt."

Wohl denn. ES betrifft Dein Dasein, Rudolph!" - brachte der Alte mühsamhervor.Dein Schicksal ward in diesem Augenblick abgewogen und ich muß hilflos undverzweifelnd am Ufer stehen, ohne Dir Rettung bringen zu können, während Dich dieWellen des empörten Oceans begraben."

Ich errathe, was Sie mir zu sagen haben, mein Vater, und Sie sehen, daß ichvollkommen ruhig bin. Der Gerichts - Direktor glaubte es Ihrer Stellung schuldig zusein, Sie benachrichtigen zu müssen, daß Ihre Gläubiger Zahlung verlangen und unserGut versteigert wird?"

Schlimmer als das!" seufzte der Vater,der Direktor Fleischer ist im Besitze derWechsel und mein ganzes Vermögen; ein CrösuS selbst könnte mit seinem Gelde seinenAnsprüchen nicht genügen!"

Was verlangt er?" rief Rudolph,welche Forderung stellte er an Dich?Welchen Preis bestimmt er für die Rettung Deiner Ehre?"

Welchen Preis?" wiederholte der alte Baron tonlos.Dich selber!"

Rudolph wich erstaunt zurück.Mich. Vater?" fragte er,reden Sie im Fieber?WaS habe ich mit dem GerichtS-Dircktor Fleischer zu schaffen?"

Rudolph, ein Mittel gibt es, Deinen Vater vor mehr als Armuth, Deinen Vatervor der Schande zu retten. Frage nichts, forsche nichts, Robert Fleischer hat dieselbeMacht über mich wie der Dämon über die Seele, die sich ihm verkaufte. Und diese-Mittel"

Er stockte in seiner Rede, die Worte fehlten ihm, den Inhalt der Nachricht seinemSohne mitzutheilen.