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Seite saß, das Auge auf ihn geheftet und auf den Athem lauschend, der schwach undkaum vernehmbar sich seiner Brust entwand. Wer weiß, ob er nicht in diesem Augen-blick den Todesengel willkommen geheißen hätte — der sanft und ruhig ein Dasein ge-endet haben würde, ehe die Schande es zu bedecken Zeit gehabt.
Der Tag war verstrichen, auf's Neue hatte sich die Sonne erhoben über die Men-schen mit ihren Wünschen und Träumen, mit ihrem Hangen und Bangen. Wie vielder Freude, wie viel des Schmerzes haben diese wenigen Stunden nicht aus dem Raddes Schicksals auf die Erdenbcwohner herniedergescnkt, wie viel entstand nicht nnd vergingzwischen gestern und heute — aber unbewegt und ehern wie das Schicksal selber, ziehnTag und Jahr und Decennicn an uns vorbei — wir Menschen aber, dem Wechselunterworfen, bezeichnen Unglücks- und Freudentage, das Fatum, das seit Jahren überunsere Häupter schwebte, wenigen Stunden zuschreibend.
Es war gegen Abend, die Fenster des einfach ausgestalteten Balkonzimmers imHause des Direktors waren weit geöffnet, um die milde, erquickende Abendluft ungehin-dert in's Zimmer dringen zu lasten. Die Bäume schimmerten röthlich, von der ganzenStrahlcnkraft der scheidenden Sonnenkugel bestrahlt, wie die Braut, die in banger Sehn-ucht den Geliebten erwartet, und die Vögel in den Zweigen sangen melodisch ihr Nacht-lied. Ab und zu hallte ein Glockenton vom Thurm der Stadt durch die Stille, fastwie ein heiliges Gefühl überkam es einem und unwillkürlich faltete man die Hände, alswolle man mitbetcn den Abenddank der einschlummernden Natur.
Auf dem Divan, in tiefem Gespräch begriffen, finden wir den Direktor undAngelika. Das Antlitz des stillen Mädchens war bleich und trug die Spuren zahlreichvergossener Thränen.
„Du sollst Deinen Willen haben," fuhr Fleischer fort, „Deine Cousine möge dennkommen, obgleich dies jetzt eigentlich meinen Wünschen zuwider, — jedoch nicht eher bisDeine Verlobung mit Rudolph proklamirt ist. Du magst sie dann später sogar ganz zuDir nehmen, wenn Deine Eifersucht sich nicht bei einer so gefährlichen Concurrcnz in'sSpiel mischt."
„Sie bestehen also noch immer auf dieser Verbindung, Oheim, die meine Qual seinwird, haben kein Mitleid mit dem Herzen der Tochter Ihrer Schwester."
„Es steht Dir ja frei, „Nein" zu sagen," erwiderte der Direktor kalt. „Einenungeliebten Gemahl Dir aufzudringen, sei ferne von mir. Aber — wenn Du Rudolphvon Duroy nicht liebst, so kann Dir ja auch gleich sein, wenn sein Name mit Schmachbedeckt in nächster Session vor den Schranken der Assiscn ertönt."
„Bald wird der Augenblick da sein," fuhr er fort, nach seiner Uhr sehend — „woVater und Sohn sich einstellen werden; — wie mir Duroy schreibt, der sich für diesenMorgen mit einem Unwohlsein, das nicht singirt ist, wie ich aus sicherer Quelle weiß,entschuldigt. Ich werde Dich mit Rudolph allein lassen, nach den Andeutungen seinesVaters ist ihm das Verbrechen desselben nicht bekannt. Um so mehr Ehre für Dich,wenn Du ihn zu gewinnen weißt. Willigt er ein, so erhält er, sobald Eure Trauungbeendet, jenen verhängnißvollen Wechsel seines VaterS aus Deiner Hand — ist EureUnterredung ohne entscheidendes Resultat, so kennst Du meinen Entschluß. Jetzt geh'und kleide Dich an, den Besuch zu empfangen — ich bedarf einige Augenblicke derSammlung."
Angelika entfernte sich, sie wußte, daß es umsonst war, zu diesem steinernen Herzenzu reden. Mit großen Schritten ging Fleischer auf und nieder.
„Und ist dieses wirklich eine so furchtbare Rache," sprach er halblaut vor sich hin,„die ich an diesem Manne begehe? Sollte dieser Rudolph wirklich im Stande seinkönnen, sich an eine ältere Frau zu gewöhnen und vielleicht gar meine Rache dem Altenzum Segen gereichen! Und wenn es wäre," fuhr er fort, „hat Leopold nicht Minuten