Ausgabe 
29 (28.3.1869) 13
 
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der Todesangst erduldet, wand er sich nicht von Neue gefoltert zu meinen Füßen? Undgab es nicht einen Moment, wo mich fast die Rührung beschlichen hätte, da ich auf ihnblickte und mich des Freundes der Jugend erinnerte. Wie ein verklungcnes Mährchcnaus fernen Zeiten taucht es vor meiner Seele auf, und ein milder Engel schien herniederzu steigen und flüsterte mir in's Ohr: Vergib, so wird dir vergeben!"

Er blieb in der Mitte des Gemaches stehen, die Hände auf die Brust gepreßt.Seine ehernen Züge hatten einen weicheren Ausdruck angenommen und in Gedankenversunken, horchte er der fernen Abendglocke, die in leisen Schwingungen verhallte.

Da erhob es sich Plötzlich wie ein verdunkelnder Schatten vor dem geöffneten Fenster.Ein bleiches Frauenantlitz, abgezehrt von Noth und Elend, auf dem die Hand des Todes

mit entstellendem Griffel geschrieben, blickte wie ein mahnendes Gespenst in das Zimmer.

Nur einen Augenblick währte die Erscheinung des Phantoms, aber dieser Moment warhinreichend, die alle Gcistcsstärke anf's Neue in ihm zu stählen.

Mahne mich nicht, Geist der Geliebten!" flüsterte er,du sollst zufrieden sein."

In diesem Augenblick rollte ein Wagen in mäßigem Galopp daher; vor dem Hause

des Direktors hielt er an, und auf den Arm seines Sohnes gestützt, entstieg Baron

Leopold dem Innern desselben, Vater und Sohn völlig in Schwarz, ohne jeden äußerenSchmuck gekleidet.

Der beauftragte Diener des Gerichts - Direktors führte die Gäste desselben in dasBalkon-Zimmer, wo Fleischer die Herren empfing. Mit cercmonieller Artigkeit wies erihnen Sessel an; dann zog er die Glocke und befahl, seine Nichte von der Ankunft derFremden zu benachrichtigen.

Das Benehmen Rudolphs, in dessen Antlitz die Eindrücke der verflossenen Stundensichtbare Spuren zurückgelassen hatten, war im höchsten Grade zurückhaltend, und einesichtliche Furcht malte sich in seinen Zügen, wenn er genöthigt war, das Wort an seinenVater zu wenden, der schwach und erschöpft in seinem Sessel lag.

Jetzt öffnete sich die Thür und Angelika erschien im Zimmer. Ein hohes, weit-reichendes Kleid von schwarzer Seide, das von keinem farbigen Bande geziert war, um-schloß ihre feine Gestalt, und ihr ganzer Schmuck bestand in einem Kreuz weißer Perlenvon seltener Größe, das an ihrer Brust befestigt war. Ihre Augen leicht geröthet vonvergossenen Thränen, hatten sich schüchtern zu Boden gesenkt und vermieden, den BlickenRudolphs zu begegnen.

Der Direktor erhob sich.Ich ersuche Sie, mir in mein Cabinet folgen zuwollen, Herr Baron," sagte er.Meine Nichte Angelika wird den jungen Herrn biszu unserer Rückkehr zu unterhalten suchen. Mich drängt es, Ihnen sämmtliche Papiereunserer Angelegenheit vorzulegen und sie von Ihnen als richtig anerkennen zu lasten."

Der alte Herr folgte der Aufforderung. Er folgte dem Direktor, nachdem er einenflehenden Blick auf seinen Sohn geworfen hatte.

Eine Pause drückendster Verlegenheit entstand im Balkon-Zimmer nach dem Fort-gang der beiden alten Herren. Keines der Zurückbleibenden hatte den Muth, den Bannzu brechen, der wie ein Alp auf ihrer Brust lag.

(Fortsetzung folgt.)

Ein chinesisches Sprichwort sagt: Vier Dinge verlangen wir von den Frauen:es throne die Tugend in ihrem Herzen, Bescheidenheit spiegele sich in ihrem Auge,Süßigkeit fließe von ihren Lippen und Geschäftigkeit bewege ihre Hände.

Einem jungen arroganten Mann, der sich in Gesellschaft rühmte, daß sein Vater,Onkel und Bruder Recensenten gewesen, wurde von einem der Anwesenden erwiedert:Deßwegen sind Sie auch wahrscheinlich so unter der Kritik erzogen.