Ausgabe 
29 (28.3.1869) 13
 
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Die Inauguration des Präsidenten Grant .

* Washington , 4. März. Gestern fand hier die Inauguration des neuenPräsidenten, Generals Graut, unter den herkömmlichen Feierlichkeiten statt. Der Tagbrach trübe herein, und schon in frühester Morgenstunde siel der Regen in Strömennieder. Der Senat war bis 5 Uhr Morgens versammelt geblieben, und hatte sich dannbis 10 Uhr vertagt. Zu dieser Stunde wurden die Thüren geöffnet, und die 1200 Per-sonen, welche so glücklich gewesen, Einlaß-Karten zu erlangen, füllten rasch die Gallerten.Im Saale waren Sitze reservirt für das diplomatische Corps, für distinguirte Offiziereder Armee und Flotte, unter denen General Sherman und Admiral Farragut die Her-vorragendste» waren, und für einige bemcrkcnswerthe Civilisten, darunter die Herren JohnL. Motley und A. T. Stewart, die Bischöfe Ames und Simpson, und General Grant'S Vater, Herr Jesse Grant, ein ehrwürdiger Greis mit langem, bis auf die Brust reichen-den Silbcrbart. Das diplomatische Corps, in seinen goldgestickten Gala-Uniformen, er-regte viel Sensation, hauptsächlich unter den starren Republikanern aus dem Westen, dienie zuvor einem solchen Schauspiel beigewohnt hatten. Die Gesandten der fremdenMächte waren alle mit ihren Attache's und Secretären erschienen. In der Diplomaten-Gallcrie saßen in reichster Toilette Mrs. Grant mit ihren Kindern; Mrs. Colfax, dieGemahlin des Vice-Präsidentcn; Mrs. Thornton, die Gemahlin des britischen Gesandten,MrS. Ward, und ein anmuthigcr Damenflor. Wenige Minuten vor 12 Uhr betratendie Richter des Obcr-Bundes-Gerichts, Ober-Richter Chase an der Spitze, die legislativeKammer und nahmen die für sie bestimmten Sitze mit vieler Förmlichkeit ein. Immerlauter wurde das summende Geräusch der von außen nahenden Prozession, in welcher derneue Präsident nach dem Capital zog. Sie war über eine englische Meile lang undvon brillantem militärischen und Civil-Pomp begleitet. Die Musik von unzähligenBanden und die Chöre aus 10,000 Kehlen fanden noch ihr Echo in dem Saale , alseine Seitenthür sich öffnete, und General Grant mit Herrn Calfax Schuyler, begleitetvon zwei Senatoren, eintraten. Der Präsident, welcher einen schwarzen Anzug trug,und dessen kleine, zierlich geformten Hände mit hellgelben Handschuhen bekleidet waren,wurde zu einem Stuhle geleitet, auf welchem er eine Zeit laug bewegungslos, ernst undtief versunken saß. Herr Colfax trat vor den Tisch des Senats-Präsidenten und leisteteden Eid als Vice - Präsident der Vereinigten Staaten und Präsident des Senats. HerrWade erklärte hierauf den vierzigsten Congreß für erloschen; der neue Vice - Präsidentübernahm den Vorsitz, vereidigte die ncugewühlten Senatoren und erklärte die Sitzungendes einund vierzigsten Congresses für eröffnet. Und nun entwickelte sich das große Ereignißdes Tages.Der Senat wird sich nach dem Haupt-Portal des Capitol's begeben, umder Inauguration des Präsidenten der Vereinigten Staaten beizuwohnen," verkündeteder Vice - Präsident Colfax. Eine Scene wilder Unordnung und Confusion folgte diesenWorten. Alles drängte, um einen guten Platz im Haupt-Portal zu erobern. Dortstand der Regen hatte aufgehört und die Märzsonnc schaute freundlich darein derneue Präsident vor dem Ober-Richter Chase und schwor mit erhobener Hand, das Amtdes Präsidenten der Vereinigten Staaten getreu zu verwalten, und nach besten Kräftendie Constitution des Landes zu bewahren, beschirmen und zu vertheidigen. Als dieletzten Worte des Eides gesprochen waren, erscholl eine Artilleric-Salve, und die unüber-sehbare Volksmenge mischte ihren donnernden Applaus darein. Dann trat PräsidentGrant vor und verlas mit weithin schallender Stimme seine Antritts - Rede, die balddarauf der Telegraph mit Windeseile nach allen Welt-Zonen trug. Herr Johnson, derEx-Präsident, weigerte sich bis zum letzten Augenblicke an den Jnaugurations-FeicrlichkeitenTheil zu nehmen. Als die Equipage am Weißen Hause hielt, um ihn nach dem Capitalzu bringen, schützte er Unpäßlichkeit vor, und begab sich hierauf mit seiner Familie indie Wohnung eines Freundes, wo er bis zu seiner Abreise nach Tenessce zu verweilengedenkt.