Ausgabe 
29 (28.3.1869) 13
 
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Eine Postschein - Geschichte.

So!" sagte der Postdiener, indem er in den Laden deS Colonialwaarcn-HändlerSN. in Cbg. trat, und zwei Postpakete auf den Tisch legte,die machen zusammen 39 kr.,und dann bekomme ich noch 2 kr. für das Paket, das Sie gestern wieder holen ließen."

Wieder holen ließen?" erwiederte fragend Herr R.Ich verstehe nicht, was Siesagen wollen."

Nun, Sie haben ja," erwiederte in aller Gcmülhsruhc der Postdiencr,das Geld«Paket, das Sie gestern zur Post gaben, wieder zurückholen lasten, und da kostet es eben,weil es schon eingeschrieben war, 2 kr. Gebühr."

Herr R. hatte am Abend zuvor durch einen seiner beiden Lehrlinge ein Geldpaketzur Post geben lasten und einen Postschein dasür genommen. Von einem Zurückholendes Pakets wußte er keine Silbe. Er rief seinen Lehrling Franz herbei.Franz!" sagteer,Sie haben gestern das Geldpaket zur Post getragen; nahmen Sie einen Scheindafür?"Ja!"Wo ist er?"Im Fache."Bitte, bringen Sie ihn."

Franz lief eiligst an's Brieffach, sucht den betreffenden Postschein und findet ihnnicht. Der Principal stutzte.Hm," ich weiß doch, daß ich ihn hierher gelegt habe,oben d'rauf, auf die andern, das kann ich beschwören," sagte Franz in einiger Aufre«gung. Seinem Principal kam die Sache doch etwas bedenklich vor; er suchte selbstnach dem Schein, und da er ihn ebenfalls nicht fand, bedeutete er dem Lehrling kurz,ihm auf die Post zu folgen. Sie gingen. Beide mochten sich auf dem Wege dahin mitgar sonderbaren Gedanken tragen; das sah man ihren ernsten Mienen wohl an.

Herr R. erfuhr nun von dem Postbeamten, daß gestern Abend, bald nachdem dasPaket aufgegeben gewesen war, ein junger Mensch erschienen sei, der den Postschein vor-gelegt und erklärt habe, er müsse das Paket wieder zurückholen, da so eben ein Briefvon Seite des Adressaten eingelaufen sei, demzufolge dem Paket noch etwas beigeschlossenwerden müsse. Darauf habe er, der Postbeamte, das Paket gegen Rückgabe des ScheinSwieder ausgefolgt.Hier ist der Schein," fügte der Postbeamte hinzu.

Herr N. hörte mit wachsendem Erstaunen diese Erklärung an und fragte dann, obder mitgebrachte Lehrling Franz derjenige sei, der das Paket wieder geholt habe.Nein,"erwiederte der Beamte:dieser hat es zwar gebracht, aber geholt hat es ein Anderer."Franz athmete hoch auf.

Herr R. ging nun nach Hause und nahm jetzt seinen zweiten Lehrling, Karl, in'SVerhör, der heute außergewöhnlich spät aufgestanden war und etwas verlebt aussah.Karl stellte sich sehr verwundert und sehr beleidigt ob der Fragen, die sein Principal anihn richtete, und erklärte auf das Bestimmteste, ganz und gar nichts von der Angelegen»heit zu wissen. Also blieb nichts anderes übrig, als auch ihn auf die Post zu bringen,wohin er nur mit Widerstreben folgte. Hier wurde er von dem Postbeamten sofort alsDerjenige erkannt, der das Paket unter dem oben angeführten Vorwande wiederabgeholt hatte.

Nun war die Geschichte klar. Karl hatte den Postschcin entwendet, um des Geld«Paketes habhaft werden zu können. Dasselbe enthielt 340 fl. in baar. Der Dieb warnun erwischt, das Geld aber noch nicht, denn er läugnete Alles. Eine Durchsuchungseiner Taschen und Effekten führte nicht zu dem gchofften Ergebniß; er mußte somit denRaub irgendwo versteckt haben. Vorläufig erhielt er nun Zimmerarrest, da Herr R. dieSache nicht vor Gericht bringen, sondern mit Karl's Eltern auf dem Verglcichswcgeabmachen wollte.

Die inzwischen angestellten Erkundigungen lauteten dahin, daß Karl sofort nach derThat (eS war Sonntags) mit seinem Freunde, einem Barbier-Gehilfen, in ein außer-halb der Stadt gelegenes Wirthshaus ging und daselbst bis Nachts 2 Uhr die Welt inChampagner hoch leben ließ. Der Wirth jedenfalls ein Ehrenmann half mit