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seiner ganzen Familie strebsamst mit, und das schäumende Getränk floß buchstäblich inStrömen. Ein Theil des Geldes war also bereits verpraßt.
Inzwischen war Karls Vater angekommen, um die Sache zu ordnen. Man gingauf des jungen Mannes Zimmer, aber siehe da — der Vogel war ansgeflogen. Erhatte sich über das Dach des Hinterhauses in ein benachbartes Haus geflüchtet, und eiltevon da, wie man später erfuhr, auf den Bahnhof. Die Geschichte ließ sich nun nichtmehr geheim halten; die Polizei nahm die Sache in die Hand — und ein Paar Tagedarauf erwischte sie das lockere Bürschlein in Straßburg . Von dem Gelde fanden sichaber nur noch circa 200 fl. bei ihm vor. — Es folgte nun die gerichtliche Untersuchungund der jugendliche Verbrecher wurde zu sechs Monaten Arbeitshaus verurtheilt.
Moral: „Postscheine sind Werthpapiere, man halte sie unter Verschluß."
Miseellen.
(Der Dienstbotenmarkt in Bnchsweilcr.) Wer kennt nicht die beliebteFlotow'sche Oper „Martha " und die darin vorkommende Scene des eigenthümlichenDienstbotenmarktes zu Richmond unter freiem Himmel? Unter Denjenigen jedoch, welchemit Wohlgefallen dem schäckernd herausfordernden Gesang jenes schnellzüngigen Mädchen-Chors folgen, finden sich vielleicht Manche, welche kaum vermuthen, daß jener seltsameGebrauch, ein altes Ueberkommniß des Mittclaltcrs, noch in etlichen anderen GegendenEuropas bis zur Stunde besteht. So soll derselbe noch in Lausanne , in einzelnen Städtchendes Bcrner-Cantons, und hier und da in Schweden vorkommen. In der Bretagne , imDepartement IIIs ä<; Vilaiiw, findet ein ähnlicher Markt am St. Pcterstage statt. —Auch im Elsaß hat sich diese Sitte noch in einer einzelnen Ortschaft erhalten, und zwarin Bnchsweilcr, einem Städtchen unweit Zabern, am Fuße des WaSgan'S. — Am27. Dezember, dem Tage St. Johannis des Evangelisten, kommen alle Knechte undMägde aus der ganzen Umgegend, die sich wieder verdingen wollen, in dem Städtchenzusammen, stellen sich an beiden Seiten des Büchleins auf, die Knechte an der einen, dieMägde an der anderen Seite, und lassen sich öffentlich von ihren Herrschaften dingen.Sowohl Diejenigen, welche in einem anderen Hause Dienst nehmen, als Diejenigen,welche bei ihrer alten Herrschaft bleiben wollen, begeben sich dahin. Nachdem man überdie Bedingungen des Dienstes und des Lohnes einig geworden, erhalten sie, nebst demGottespfcnnig (Handgeld), Wein und Braten und die Erlaubniß, jetzt gleich am Vieh-markte — so nennen sie ihn selbst — und am Maimarkte, in Bnchsweilcr tanzen zudürfen. Diese Sitte, welche aus den Zeiten der hananischen Regierung stammt, ist sotief eingewurzelt, daß kein Dienstbote aus den umliegenden Banerndörfcrn seine Stelleantritt, es sei denn, daß er zuvor auf dem Viehmarkte angeworben worden.
* Bei Hurst und Blau kett in London ist ein Buch erschienen, betitelt:„Lucrezia Borgia " —^„Ducheß of Ferrara", eine Biographie, erläutert mit seltenenund noch unverösfentlichcn Documenten, von William Gilbert. Von Documenten, meistBriefschaften, haben dem Verfasser 339 Exemplare vorgelegen, welche sich in den Händenverschiedener Privatpersonen und in Bibliotheken Italiens vorfinden. Gilbert schreibtwie Lessing hier eine mit Documenten belegte „Rettung", und citirt Zeugnisse dafür,daß die in der Geschichte Gebrandmarkte eine gottesfürchtige Wohlthäterin der Armen unddas Musterbild von Gerechtigkeit in ihrem Staate gewesen sei. Man habe sie unschul-diger Weise die Sünden der übrigen verworfenen Mitglieder der Familie Borgia ent-gelten lassen. Die berüchtigte Orgie vor ihrer Vermählung mit Alphonso d'Este sei einPhantasiebild, nichts mehr.
Druck, Verlag und Redaction des Literarischen Instituts von vr. M. Huttler.