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--schlich. Was geschah, was kommen wird, ist das Werk meines Oheims und seinemWillen muß ich mich beugen."
„Also Ihr Oheim wünscht, daß ich Ihnen meine Hand reiche?" fragte Rudolphironisch. „Sie selber sind dieser unpassenden Verbindung natürlich abgeneigt; ich binIhnen gleich — Sie behandeln mich als Kind — o, ich sehe, wir werden uns herrlichverständigen!"
„Rudolph!" flüsterte ängstlich das Mädchen, „Sie todten mich durch Ihre Ironie —Rudolph, noch nie hat eine Lüge meine Seele befleckt. Haffen Sie mich — so muß ichIhnen denn gestehen, daß ich Sie liebe, glühend liebe, mit erster, nie geweckter Leiden-schüft, und daß Sie mein Alles sind auf Erden, in Ihnen meine Seligkeit ruht imJenseits. Aber," fuhr sie fort, „diese Liebe sollte geheim bleiben, ich wollte sie mit miriu's stille Grab nehmen. Das Schicksal zwang mich, meinem Oheim die Gefühle meinesHerzens zu entdecken, und —"
„Und diese Gelegenheit war günstig, die späte Leidenschaft seiner Nichte zu befrie-digen — wer weiß, ob sich die Gelegenheit jemals wieder so gut geboten hätte, dennein Gemahl für gewisse Alter, zumal wenn er Jugend und Titel besitzen soll, findet sichnicht immer am Markte."
Das war zu Viel für das Herz Angclika's. Mit einem Schmcrzenslaut sank sieauf ihre Knie.
„Vater im Himmel!" rief sie mit leidenschaftlicher Stimme, „sei Du Richter zwischenmir und diesem Manne. Künde du, daß um seinetwillen ich Hohn und Verachtungauf mich lade, und daß ich zu sterben bereit bin, — könnte ich durch meinen Tod seineZukunft wandeln!"
„Angelika!" rief Rudolph auf das Tiefste von dem Ausdruck der Wahrheit, der inden Worten des Mädchens lag, ergriffen, „ich war ein Elender, ein Fieberwahn um-strickte mich, daß ich wagen konnte, mich gegen Sie zu vergessen."
Angelika erhob sich, Rudolph ergriff ihre Hand und führte sie zu dem Divan, erselbst nahm auf einen daneben stehenden Sessel Platz.
„Lasten Sie mich offen zu Ihnen reden, wie ein Freund, wie ein Bruder," beganner. „Ich will nicht von dem Eindruck sprechen, den unsere Verbindung weit über dieMauern unserer Stadt hinaus hervorrufen würde, will die Deutungen verschweigen, dieman dieser Verbindung, sowohl mich als Sie betreffend, unterlegen könnte — ich willvon uns selber reden, die Hauptpersonen dieses Drama's. ^Die kindliche Pflicht heißtmich Ihnen meine Hand zu reichen, hinge der Ruin meines Vaters von meiner Weigerungab, ich hätte sie längst ausgesprochen, da aber seine Schande "davon abhängt, da wageich nicht selber zu entscheiden und stelle Sie auf als Richter!» zwischen meiner Pflichtund meinem Herzen. Mein Vater verschwieg mir jenes unselige Geheimniß, durch welcheMacht Ihr Oheim sich zum Herrn unserer Ehre aufgeworfen? Den ohnedies gebrochenenGreis nicht zu erschüttern, drang ich nicht härter in ihn. Aber hier an dieser Stelleerkläre ich feierlich, niemals mich dem Willen Anderer zu fügen, niemals meine Freiheitzu verkaufen, ehe mir klar geworden, um welchen Preis dies geschieht."
„Sie betrachten unsere Verbindung als ein Opfer — o Sie haben Recht," unter-brach ihn Angelika schmerzlich. „Aber fügen Sie sich dem ehernen Gebot des Schicksals.Rudolph! reißen Sie nicht mit frevelnder Hand den Schleier herab, der das Geheimnißverbirgt, o glauben Sie mir, besser ist es, blind wandeln unter den Fügungen desZufalls, als ohnmächtig sich aufbäumen gegen den Willen des Verhängnisses."
„So möge kommen, was da wolle," rief der Baron aufstehend. „Wir sehen u«Sniemals wieder."
„Bleiben Sie," flehte Angelika, „o wüßten sie, welche Qualen der Hölle mir dieseStunde gebracht. Erfahren Sie denn das unselige Geheimniß. Ein Wechsel, den Ihr