Ausgabe 
29 (11.4.1869) 15
 
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Nro. 15.

11. April 1869.

Attgsburger

Die Welt wird Prosa mehr und mehr,

Der Glaube selbst ist ohue Wehr!

Was bat das Ewige verschuldet,

Daß man's nur nebenher noch duldet?

August Graf vou Platen.

Pi«s m

Der heilige Vater ist am 13. Mai 1792 geboren und wird also in einemMonate sein sieben und sicbenzigsteS Lebensjahr erreichen. Im Jahre 1810 kam ernach Nom zur Vollendung seiner Studien. Schon damals zeigte sich seine große Liebezu der Jugend und zu den Armen, so daß es ihm eine Freude war, in dem Waiscn-hause Data - Giovanni zu weilen, und dort unter den Waisenkindern die Zeit seinerErholung zuzubringen. Um sich über seine Standcswahl zu entscheiden, machte er eineWallfahrt nach Loreito, dem größten Wallfahrts -Orte der lieben Mutter Gottes in derganzen Kirche. So trat er denn unter dem Schutze der allerscligsten Jungfrau in denPriestcrstand; und wir können uns deßhalb um so weniger wundern, daß die kindlichsteVerehrung der lieben Mutter Gottes ein hervorragender Zug seines Lebens geblieben ist.Am Ü. Januar 1817 empfing er die niederen Weihen, am 20. Dezember 1818 dasSubdiakonat, am 6. März 1819 daS Diakonat und am lO. April 1819 die Priester-weihe. Der 10. April dieses Jahres ist also der 50ste Jahrestag seiner Priesterweihe.Seine erste heilige Messe las er in der Hospital-Kirche desselben Waisenhauses, wo er sogerne unter den armen Waisen als Student geweilt hatte; und seine Liebe zu diesenKindern war so groß, daß er die Stelle eines Vorstehers in diesem Hause übernahm,«nd dieselbe die fünf ersten Jahre seines priestcrlichcn Lebens als Vater armer Waisen-Kindcr verwaltete. Wer cS weiß, welche Bedeutung für daS ganze spätere Leben die

ersten glückseligen Jahre des PriesterthumS für einen jungen Priester haben, der kann

ermessen, welche Eindrücke er damals für sein ganzes Leben in seinem jungen priestcrlichcnHerzen unter den armen Waisenkindern aufgenommen hat; und er wird sich nicht wun-dern, daß die göttliche Vorsehung diese Schule erwählt hat, um in derselben einen soliebevollen Vater für die ganze Christenheit heranzubilden. Ein Spital mit armenWaisen sollte die Vorschule für die Ausbildung seines großen päpstlichen Herzens werden.Dann schickte ihn Papst Leo XII. als Begleiter des päpstlichen Nuntius zur Besorgungeiner wichtigen Kirchcu-Ängclegenhcit auf zwei Jahre nach Chili in Süd-Amerika . Nachseiner Rückkehr nach Rom wurde er Kanonikus an einer römischen Kirche und erhielt balddarauf den Vorsitz in jener Commission, welche die größte Wohlthätigkeits-Anstalt derWelt, das Hospital St. Michaels, daselbst vermaltet. Diese Zeit seines Lebens brachteer ganz mit scclsorglichcn Arbeiten zu und mit der väterlichsten Fürsorge für das große

Spital, worin er etwas wieder fand von seiner Lieblings-Beschäftigung .in den ersten

Jahren seines PriesterthumS unter den armen Waisenkindern. Im Jahre 1827 ward erdann Erzbischof von Spoleto , 1832 Bischof von Jmola, 1840 Kardinal, und nach demTode des großen Papstes Gregor XVI. , am 1. Juni 1846, wurde er schon wenige Tagespäter, am 16. desselben Monats, zum Papst gewählt. Mit unaussprechlichem Jubelwurde er aufgenommen; und gleich die erste Zeit seiner päpstlichen Verwaltung bekunden:PiuS IX. überall seine überaus große Liebe zum Volke. Er sollte aber bald erfahren,daß mau nicht die Stelle Jesu auf Erden vertreten kann, ohne bald auch an seinem