Ausgabe 
29 (11.4.1869) 15
 
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Die Entsagenden.

(Fortsetzung.)

Und nun zu uns, Herr Baron," fuhr er zu Leopold gewandt fort.DieNachsicht, die ich gegen Sie übe, indem ich Ihr Verbrechen ungeahndet lasse, enthebtSie nicht Ihren anderen Verpflichtungen gegen mich. Sie sind mir bedeutende Summenschuldig, deren Bezahlung ich ohne Aufschub von Ihnen verlangen könnte. Indessen,um den Schein zu wahren, mögen Sie bis zur Vermählung Ihres Sohnes nominellerBesitzer Ihres Gutes bleiben. Am andern Tage indessen betrachte ich Ihre Besitzungals mein Eigenthum, wenn die in meinen Händen befindlichen Wechsel bis dahin ohneZahlung geblieben."

Entsetzlicher Mann!" rief Nudolph glühend,haben Sie uns der Kränkung nochnicht genug bereitet? O, gedulden Sie sich zwei Jahre, ein einziges nur und ichwerde durch unablässige Anstrengung im Stande sein, die Schuld meines Vaterszu tilgen!"

Der Gatte einer Millionärin und arbeiten um Geld," bemerkte Fleischer achscl-zuckend.Wollen Sie Ihren Namen noch mehr compromittiren?"

Aber was thaten wir Ihnen, daß uns so schwer Ihre Rache trifft?" fragte derjunge Mann.Was hat mein Vater an Ihnen begangen?"

Fragen Sie ihn selber, welch' tiefes Leid er über mich gebracht und jedes Unheil,das ihn trifft, betrachte er als Sühne seiner untilgbaren Schuld," erwiderte der Direktor.Ich begehre Ihr Bcsitzthum, denn seit Lange bewegt mich der Gedanke dort ein Grabmalzu bauen, das die Ueberreste einer schändlich Geopferten enthalten soll, an die ich imTode das Wort eines Elenden einlösen will, der ihr im Leben einst Glanz und Reich-thum versprach. An ihrer Seite soll dann auch meine Asche dereinst ruhen. Und jetzt,"fuhr er fort,bleibt uns nichts mehr, als den Tag der Vermählung zu bestimmen."

Ich bitte Sie noch um eine Gunst, Herr Direktor," entgegncte Nudolph.MeinHerz ist voll bis zum Ueberströmen. Gestatten Sie mir einige Augenblicke des Allein-seins mit meinem Vater!"

Betrachten Sie sich als Herrn dieses Zimmers," erwiderte der Direktor verbindlich.Keiner wird Sie zu stören wagen und mich selbst ruft die Pflicht in das Bureau."

Mit diesen Worten entfernte er sich, grüßend durch die Hauptthür des Zimmers.Vater und Sohn blieben allein.

Das Antlitz des jungen Mannes nahm einen ernsten, fast feierlichen Ausdruck an,der den Baron Leopold, der vor ihm dasaß, wie der Schuldbewußte vor dem Richter,erbeben ließ.

Mach' es milde mit mir, mein Sohn," flüsterte er,bedenke, meine Tage sindgezählt."

Kein Vorwurf, mein Vater, soll Sie treffen," erwiderte Nudolph mit sanftemTone.Nicht um Ihnen zu fluchen, um Ihnen zu vergeben, drängte es mich, unsereUnterredung zu beschleunigen."

Nicht diese Güte, mein Sohn!" flehte Baron Leopold,o wie viel schwerer träfesie mich, als wenn Dein Zorn, Dein gerechter Haß sich über mich ergossen hätte, dennmeine Schuld stürzt Dich in's Unglück"

Verschweige mir nichts," fuhr er fort,denn tief, tief im Herzen fühle ich, wiebcklagcnSwerth Dn bist! Dein Leben an der Seite eines ungeliebten Weibes dahin zubringen, während Dein Herz ein anderes Bild erfüllt. Geknechtet vom Druck eines un-erbittlichen Feindes, der meine Fehler an meinem Kinde straft, und ich machtlos undelend ich selber zerschmettert unter der Wucht der Schande."

Ja, das ist es, Vater," rief der junge Baron,das ist es, was wie ein nagenderWurm an meinem Leben zehrt. Alles hätte ich ertragen können, dieser eine Gedankebringt mich zum Wahnsinn. O Vater, Vater, warum thatest Du mir diese Schmach?"