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„Büße ich nicht schwer genug?" fragte der Alte tonlos.
„Wohl büßest Du, aber. Du selber sagst es, Deme Tage sind gezählt. Auf mich«brr wird Deine Schande lasten ewig und ewig. Der Name, den ich trage, gellt wieein Spottruf in meine Ohren, und wenn mit den ersten Lauten einst mein Kind nachseinem Namen forscht, muß ich errathen — denn ich muß ihm sagen: Du bist einDuroy!"
„Deine Schande," fuhr er wärmer werdend fort, „macht mich zum Lügner, zumHeuchler. Mußte nicht meine Hand Worte schreiben, — von denen mein Mundnichts wußte?"
„Halt ein!" rief der Baron, wie von einem plötzlichen Gedanken ergriffen, „aufmich allein falle Alles. Erfaßt mich ein Wahnsinn, daß ich Dein Opfer gestatte? —Laß mich fort, den Direktor zurückrufen, ihn Dein gegebenes Wort vor die Füße schleu-dern, mag er mich dem Zuchthause als Fälscher übergeben, Du bist frei und auch inanderer Hemisphäre wohnt das Glück für Dich, wo Keiner Deinen Namen kennt, KeinerDich verachtet um Deines Vaters willen."
Und mit fast jugendlicher Kraft erhob sich der alte Mann, um fortzueilen. AberRudolph hielt ihn zurück, und mit beiden Armen den Greis umschlingend, rief er:„Nicht so, mein Vater, geböte mir nicht die Kindespflicht zu handeln, wie ich that, sohätte es die Ehre erfordert. Nur versprechen Sie mir eines — dann bin ich ruhig.Wenn jener Tag erscheinen sollte, wo das Geschick Sie zwingt, Ihr Gut zu verlassen,nehmen Sie nicht das Geringste an, sei es als Darlehen oder Geschenk, was Ihnennicht aus meiner Hand zukommt. Ich werde Sie vor dem Mangel zu schützen wissen."
„Ich gehorche Deinem Willen," cntgcgnete der Alte, „denn ich weiß, es fällt Divnicht schwer, mich zu unterstützen. Angelika liebt Dich — und von den Zinsen einerMillion, die zweifelsohne durch Deine Hände gehen werden, läßt sich Manches erübrigen,was als Nothpfcnnig für die Tage der Zukunft dienen kann."
„Wehe Ihnen, mein Vater," rief der junge Mann glühend, „daß ein solcher Gedanktauch nur für einen Augenblick in Ihrer Seele laut werden kann. O hätten Sie nie,niemals ähnliche in Ihnen erwachen lasten — so brauchte ich nicht das Glück meinesLebens zu opfern, um die Schuld eines Edelmanns zu sühnen, der vor einem grobenVerbrechen nicht zurückbebt. Gott ist mein Zeuge," fuhr er feierlich fort, „daß ich eherdarben möchte, ehe ich mehr von Angelika's Großmuth annehmen würde, als was dieäußerste Nothwendigkeit erheischt. Und wenn Sie vor mir diese Welt verlassen müßten,so würde ich der Erste sein, der die mir unbekannte Cousine von ihrer Erbschaft benach-richtigt. Sie aber, mein Vater, Sie sollen nicht unter Ihrem SchicksalSwcchsel leiden.Ick werde für Sie, fern von der Stadt, ein Häuschen suchen, wo Sie still und einsamvon jeder Sorge entlastet, Ihre letzten Lebensjahre zubringen können, dorthin ziehen Siesich zurück."
Der Alte seufzte tief auf. „Du willst mich auf das Land senden?" — fragte ergedehnt. Glaubst Du nicht, daß ich dort umkommen müßte vor Langeweile?"
„Vater!" rief Rudolph, „wollen Sie in-der Residenz bleiben, so schwöre ich Ihnen,daß Ach noch in diesem Augenblick die Stadt verlassen werde. Soll ich vor IhremAnblick crrölhen? Soll mich Ihre Gegenwart jeden Augenblick an Ihre Schuld, anmein grenzenloses Opfer mahnen? O gehen Sie, mein Vater, — folgen Sie mcinem-Rathe — Sie haben viel gut zu machen vor dem Throne des ewigen Richters, und inder Einsamkeit, fern von dem Weltgetricbc, bereut es sich am Leichtesten. Ach, dürfteich diese Einsamkeit mit Ihnen theilen, Vater," fuhr er fort, „dürfte ich nur den Ge-danken leben, die mit namenloser Sehnsucht mein Herz erfüllen; — wie glücklich würdeich sein!"
Thränen des Schmerzes, so lange zurnckgepreßt, erstickten seine Stimme. Dasso lange verhaltene Weh seines Herzens brach sich gewaltsam Lahn . Tief ergriffen schloß,ihn der Alte in seine Arme.