„Weiche nicht zurück, mein Sohn," sprach er, „ich bin gereinigt von jeder Schuld,den» solche Augenblicke der Qual söhnt sie auf Erden wie im Himmel."
Schweigend verließen sie das Zimmer. Kaum hatte sich hinter ihnen der Einganggeschloffen, als sich die Thür des Nebenzimmers öffnete, und der Direktor aus demGemach trat. — Er hatte verborgen das ganze Gespräch zwischen Vater und Sohnbelauscht.
„Lconore," murmelte er vor sich hin, „Du kannst ruhig schlafen. Die Augenblickeder Qual, die ich D incm Verführer bereite, sollen sich dehnen zu Jahren, sollen währenbis über das Grab hinaus! Fort mit Dir, Elender, in die Einsamkeit und Stille! —Statt Gebet und Reue, wie Dein Sohn meint, wird Weltlust und Verzweiflung DeinHerz beschleichcn; der Neid, die Sehnsucht werden Dein Leben zur Hölle machen, undüber Alles schwebe, wie die Erinnyc, das bleiche Bild Leonorens, der Geopferten, undhöhnend töne es in Dein Ohr aus ihrem Munde: Du verlorst Alles, nichts blieb Dir,,als die furchtbare Erinnerung."
„Und jetzt," fuhr er fort, „auf das Gericht, jetzt in die Wirthshäuser der Stadt-Ehe es Abend wird, muß die Stadt im Besitz der Kunde dieser abenteuerlichen Verbin-dung sein." _
Angelika Fleischer an ihre Cousine Lr. D...!
Tage, Wochen verstrichen, theuerste Angelika, die meine Sehnsucht nach Dir zueben so vielen Ewigkeiten ausdehnt, und noch immer kommst Du nicht; Dich an meinüberwallendes Herz zu werfen, in Deinem verschwiegenen Busen mein grenzenloses Leidzu bewahren. Denn ich leide, Angelika, und inmitten des Glanzes, der mich umgibt,inmitten der Heiterkeit, die ich heucheln muß, möchte ich vergehen vor Weh und Thränen.Seit dem Tage, wo ich Dir mein Herz ergoß, bin ich öffentlich mit Nudolph vonDuroy verlobt, ungeachtet meines Flehens gefüllt sich mein Oheim, diese Verbindungauszuposaunen. Ich empfange Glückwünsche von nah und fern, mir ganz unbekanntePersonen drängen sich in unser Haus, mich mit Artigkeiten zu überschütten, und dochdringt jedes Wort, das meiner Verlobung gilt, wie ein Dolchstich in mein Herz. Ausjeder Silbe glaube ich den Ausdruck des Hohnes zn vernehmen, bei jedem Complimenteblicke ich angstvoll auf Nudolph, der kalt wie Eis die Glückwünsche empfängt, und sichnicht einmal die Mühe gibt, seine Gefühle der Gleichgültigkeit zu verbergen. Ja, ichbin ihm gleich, hat er es mir doch selber gestanden, nicht Liebe flöße ich ihm ein, höch-stens Achtung, und Achtung zollt man auch der Matrone. A chtung trennt von derFreundschaft nur einen Schritt, aber eine unübersehbare Kluft von der Liebe.
Und laß mich erröthen, Angelika, indem ich eS niederschreibe, und doch sehneich mich nach Liebe, wie die dürstende Flur »ach dem erguickcnden Regen. So langestand ich einsam da, kein Herz bot sich mir dar, an das ich das meine vcrtrauungSvolllehnen dürfte. Nun kommt er, der Einzige, dessen Bild lange, lange meine Seele er-füllte, und den ich liebe mit unendlicher Glut, er, der mein eigen werden soll, vereintmit ihm durch geheiligte Bande, und doch mit dem Bewußtsein, all' die Glut, die meinarmes Herz verzehrt, hinein drängen zu müssen in der Brust tief innersten Raum. —-Und dabei Neid, Haß und Spott der Welt, denn Keiner gönnt mir mein vermeintlichesGlück, das ich selber beweine.
Obgleich wir seil unserer Verlobung höchst zurückgezogen leben, konnte Nudolphtrotz seiner Abneigung nicht umhin, einem kleinen Cirkel mit mir beizuwohnen, der sichim Hause einer seiner Freunde versammelt hatte. Mein Bräutigam holte mich ab, erwar heiterer gestimmt, als sonst, und ich zum ersten Mal glücklich, ihn an meiner Seitezu wissen. Wir traten in den Saal, ein Geflüster lief durch die Reihen der Versamm-lung, ich fühlte alle Blicke auf mich ruhen
Eine. plötzliche Stille entstand rings umher, da tönte vernehmbar die Stimme einer