118
fremden Dame, die mit den Augen uns bezeichnend, zu ihrer Nachbarin bemerkte: „SehenSie doch, wie herrlich sich die Mutter dieses jungen Mannes conservirt hat." MeineSinne drohten zu schwinden, ich fühlte den Arm Rudolphs in dem meinen zittern; wietief, wie unabsehbar tief war mein Stolz gekränkt. Dieses eine Wort hatte meine Hoff-nungen geknickt, wie der Hcrbstwind die letzte Knospe. Mein Auge siel auf den unsgegenüberliegenden Spiegel, er zeigte mir das Bild meines Verlobten, strahlend im Glanzder Jugend, der Schönheit, ein blühender Antinous, und daneben mich, mich, — o laßmich schweigen, Angelika, das Weh meines Daseins soll mich nicht zu einem Vorwurfverleiten gegen den Willen des Uncrforschlichen. Wie gern hätte ich hinein geschrieen indie Reihen der Frauen und Mädchen, deren Blicke mit dem Ausdruck des Bedauerns
auf meinem Bräutigam ruhten. „Nehmt ihn hin, er ist frei," — hielt mich nicht eine
furchtbare Pflicht, wie der Dämon seines Lebens, an seine Fersen gekettet. Ich will siedenn tragen die Last, ohne Murren, bis sie dem ermatteten Körper zu schwer, über ihnzusammen bricht.
Ich wünsche mir den Tod, Angelika, aber nicht eher, als bis ich Rudolph's Weibgeworden bin. O glaube nicht, daß es Egoismus sei, der aus diesem Wunsche spricht,es gibt keine größere Entsagung, als er enthält. Und dennoch gab es Stunden, ach —und noch jetzt sind sie nicht selten, wo schwarze finstere Gedanken mein Herz beschleichen.Hch bin ein Weib, Angelika, und wenig der Heldinnen zählt unser Geschlecht. Dann
kommt es über mich wie mit geheimer Freude, daß ich trotz meiner Jahre triumphirt
habe über alle Wünsche, und er, der Viclbegehrte, mein eigen ist.
Eine Frau ist nie unglücklicher, als wenn sie eine andere beneidet, nie glücklicher,da sie sicher ist, den Neid anderer erregt zu haben. Und hat der Egoismus seinedüstere Fittiche über mich ausgebreitet, da tritt wie ein hülfreicher Gefährte die Eifersuchthinzu. Ich möchte mit ihm fliehen in ferne Wüsten und Welten, wo Keine, Keine ihnmir streitig machen kann, wo ich dem sich nach Mittheilung sehnenden Herzen Alles —Alles sein müßte. Angelika, o wüßtest Du, welche Qualen dann mein Herz erschüttern,wie jeder Blick, der aus dem Auge Fremder auf Rudolph fällt, eine neue Wunde inmeine Brust reißt, — wie ich ihn an mich ziehen möchte und ihm zurufen: „Nur fürmich sollst Du Augen haben, nur für mich Dein Dasein weihen " — Aber diese Kämpfedauern nicht lange, gereinigt und erhoben gehe ich aus ihnen hervor. Ich habe diewahre Bestimmung des Weibes aus ihnen kennen gelernt, sie heißt: „die Entsagung;"ich entsage, so seltsam es Dir — der Uneingeweihten — klingen mag, ich entsage, daich Rudolphs Gattin werde!
Und eben, weil ich entsage, — wiederhole ich meine Bitte, in die Arme DeinerFreundin zu eilen, die Dich willkommen heißen wird von ganzem Herzen. Höfe DeineVerbindung mit Deiner jetzigen Herrschaft unverweilt, eine ehrenvollere Stellung wartetmeiner Cousine und Pathin, die den gleichen Namen mit mir trägt, in meinem Hause.
Wohl weiß ich, daß mein Entschluß, Dir mein Hans zu öffnen. Dir, -— demjugendlich-blühenden Mädchen — eine FrcundcSstelle neben einer verblühten, alterndenFrau anzuweisen, deren Gemahl, wie jene Dame behauptete, fast ihren Sohn vorstellenkönnte, in den Augen meiner Bekannten mich auf die höchste Stufe der Lächerlichkeit er-heben wird; und dennoch ersehne ich ungestüm den Tag Deiner Ankunft, denn sie sollallen Jenen beweisen, wie fest ich auf Deine Freundschaft — und auf Nudolph'S Treuebaue, wie entfernt meine Seele von jeder Regung der Eifersucht ist.
„Also komm, meine Angelika! Ich verspreche Dir alle Freuden, alle Genüsse, dieDeiner Jugend ziemen, Du sollst nicht büßen, weil ich leide, und eö gewährt mir eineArt Stolz, mich allein unglücklich im Kreise Fröhlicher zu wissen. Zaudere nicht — ichbedarf Deiner, o erscheine, ehe der gute Genius sein Antlitz von mir wendet, und finstereDämonen tückisch, ihre Schwingen über meine Seele breiten! Erscheine, — ehe die LiebeGesiegt wird von der verzehrenden Leidenschaft. Angelika.
(Fortsetzung solgt.)