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Uro. 18.
18. April 1869.
Was vermag die Sonne der Kunst über die kalten Menschen von Ton und vou Welt?— Dasselbe, was die andere Sonne au den Eisbergen ausrichtet: sie kaun sie versilbern undvergolden, aber nicht zerschmelzen.
sseau Paul.
Die Entsagenden.
(Fortsetzung.)
Acht Tage waren verstrichen. Zm Garten, der sich hinter dem Hause des Direktorsausbreitete, hatten sich auf Einladung des letzteren mehrere Bekannte versammelt, inderen Mitte das Brautpaar still und einsilbig dasaß. Sowohl Angelika als Rudolphwar es unangenehm, sich in Gegenwart Fremder zu befinden, und vergebens erschöpfte«sich die Freunde des Hauses; die niederdrückende Stimmung, die sich der Gesellschaftbemächtigt hatte, wollte trotz aller Anstrengung nicht weichen.
Ueber das schöne, jugendfrische Antlitz Rndolphs begann noch fast unmerkbar sichdie feine Falte zu legen, die ein inneres Weh darin zeichnet. Die scharfen Augen der
Damen, denen kein Zug in einem Antlitz, das sie studiren wollen, entgeht, hatten gar
bald diese Entdeckung gemacht, und bestrebten sich, Stadt und Land dieselbe zu offen-baren. Schon hatten geschäftige Zuträgerinnen Angelika auf die Veränderung aufmerksamgemacht, die das Antlitz ihres Verlobten betroffen hatte, und forschten unter dem gleis-nerischen Deckmantel der Freundschaft nach dem Grunde derselben.
Die Unterhaltung der Gesellschaft war in's Stocken gerathen, als die Aufmerksam-keit durch das Geräusch eines Wagens rege gemacht ward, der vor dem Hause anhielt.Durch die geöffneten Thüren, die vom Garten auf die geräumige Flur des Hausesführten, hörte man Stimmen laut werden, Tritte erschallten, als ob man Koffer und
Kisten in das Haus trage, und im nächsten Augenblick erschien ein junges Mädchen in
einem leichten grauen Reiseanzug gekleidet, am Eingänge des Gartens, und warf sich indie Arme der ihr entgegeneilenden Angelika.
„Endlich," rief sie, „gestattet mir meine Pflicht, Dich wieder zu sehen, um Dichnimmer wieder zu verlassen. O wüßtest Du, wie ich mich sehnte, nach Deinem liebenAntlitz, das ich so lang vermissen mußte."
„Sei mir tausend Mal willkommen, mein theures Kind," — erwiderte Angelika.„Aber erlaube mir, zuerst Dich der Gesellschaft und vornehmlich meinem Bräutigam —Rudolph von Duroy — als meine Cousine und meine Pathin — Angelika Fleischer —vorzustellen."
Sie trat bei diesen Worten von dem sich verbeugenden, erröthcnden jungen Mädchenzurück, dessen Anblick jetzt Rudolph, der mit sichtbarer Aufregung dem Klang ihrerStimme gelauscht hatte, frei war. Die Blicke beider jungen Leute begegneten sich. —Rudolph, der die Gefahr des Augenblickes erkannte, und sich von Angelika und derganzen Gesellschaft beobachtet wußte, ward todtenbleich, denn er erkannte jenes Mädchen,dessen Bild sich mit unauslöschlichen Zügen in sein Herz gegraben hatte, seit jenem Tage,wo sie ihn aus seiner Apathie riß, — und ihm die wahre Bestimmung des Mensche»kennen lehrte.
Nicht so Angelika. Ein jäher Schwindel befiel sie bei dem Anblick des Mannes,der die erste reinste Liebe in ihrem Herzen erweckt hatte, — und den sie als Braviigamihrer Cousine wieder fand. Wie ein Blitzstrahl befiel sie der Gedanke, daß sie ihr Lebe»
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