Ausgabe 
29 (18.4.1869) 16
 
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fortan im Hause jenes Mannes verbringen solle, und alle Qnaleu des Tantalus fühltesie in diesem Augenblick erwachen.

Unfähig, ein Wort hervorzubringen, stand sie da, das Auge starr auf Rudolphgerichtet; ein Peinliches Stillschweigen entstand in der Gesellschaft, desto mehr hattenAugen und Achseln der anwesenden Gäste einander zu erzählen.

Kennen Sie den Herrn Baron, mein Fräulein?" fragte der Direktor scharf, umdieser Scene ein Ende zu machen.

Flüchtig stammelte die Gefragte:Ein Zufall brachte uns in Wiesbaden zusammen,indessen unser Zusammensein währte kaum einige Minuten; nicht wahr, Herr Baron?"wandte sie sich an Nudolph, nicht weniger zitternd als der junge Mann selber

In der That," erwiderte dieser,nur wenige Minuten, die mir aber unvergeßlichbleiben werden."

Ein banger Blick begleitete diese Worte, er enthielt den Abschiedsgruß einer ver-welkten Hoffnung, einer begrabenen Liebe.

Angelika verstand ihn, und mit Aufbietung aller ihrer Kräfte versuchte sie die Ge-fühle zu bemcistcrn, welche-das unvermuthete Wiedersehen in ihrem Herzen erregt hatte.

Es ward spät, und die Gesellschaft trennte sich. Auch Rudolph nahm seinen Hut,»m zu gehen.

Er trat zu der Neuangekommenen, er versuchte, den Ton der Glcichgiltigkeit gegensie anzuschlagen, aber das Wort stockte ihm im Munde, denn er fühlte die Blicke desDirektors, wie die seiner Braut forschend auf sich ruhen. Und aus diesem Grundebewirkte er mit übermenschlicher Kraft, daß keine seiner Muskeln seines Antlitzes zuckte,als er die leise geflüsterten Worte der Geliebten an sein Ohr tönen hörte:Ich mustSie sprechen, erwarten Sie mich um Mitternacht an dieser Stelle."

Und Stunde um Stunde verstrich. Die Natur legte ihr Nachtgewand an und überdie tiefblaue Himmelsfläche zog Stern um Stern als treuer Erdenwächtcr auf. Stillward es und stiller ringsum, kein Ton des Lärmcns schallte aus der nahen Stadt mehrherüber, denn Alles schlief, um sich zu neuem Tagewerk zu rüsten, und auch im Hausedes Direktors hatte sich ein tiefer Frieden gelagert.

Da tönte es Mitternacht durch die Einsamkeit, langsam verhallten die dröhnendenSchläge der Thurmuhr der Residenz, und ein leises Rauschen strich über den Garten,wo wenige Stunden vorher zwei Liebende sich aus's Neue gefunden.

Die Blätter und Blüthen waren erwacht, denn die Stunde war gekommen, wo eSihnen vergönnt ist, ungesehen und ungchört von den neugierigen Menschenkindern miteinander zu reden; jedes in seiner Sprache. Auch hatten sie gar viel zu plaudern vonLieb und Treue, und die ehrwürdigen Bäume, die eine schattige Allee mitten durch denGarten bildeten, hörten lächelnd zu, was die junge Welt zu ihren Füßen träumte undsann, sie kannten wohl des Winters Dräuen, wenn der Lenz geschwunden war, und leise

mahnend schüttelten sie ihre Kronen, daß die welken Blätter ihre Aeste sich lösten, und

wie eine Warnung niederschwcbten auf die Häupter der sorglosen, hoffenden Jugend.Aber neckisch wehte ein leichter Nachtwind sie hinweg und in den Schooß der murmeln-den Fontaine, die ihren Wasserstrahl wie einen Silberfaden zum gestirnten Himmel

«mporsandte.

Da plötzlich drang es wie der leise, flötende Ton eines Vogels durch den Garten,kS war eine Nachtigall, die halb träumend einen Warnungsruf ausgestoßcn haben mußte,denn im nächsten Augenblick war Alles still rings umher, nur ein stärkerer Blumenduft,«ls sonst dm traulichen Ort erfüllte, durchzog die sanft bewegte Luft.

Horch, am Ende des Gartens erschallten leise Schritte, die Gestalt eines Mannesiu einen leichten Mantel gehüllt, tauchte beleuchtet vom hellen Sonnenschein auf, undnäherte sich vorsichtig. Es war Nudolph.

Welchen Schritt will ich wagen," flüsterte der junge Mann vor sich hin, am