Rande der Fontaine stehen bleibend, — „im Hause der ungeliebten Braut will ich siewiedersehen, zu still nächtlicher Stunde, jenes Mädchen, das mein zu nennen ich meinganzes Dasein dahin geben würde. Wie müßte ich beschämt zu Boden blicken, wen»jetzt Angelika, meine Verlobte, erschiene und inne würde, daß der Mann, dem sie ihrganzes Vertrauen geweiht, sie schändlich betrügt! Aber — betrüge ich sie denn?" —unterbrach er sich, „habe ich die Absicht, die Treue zu brechen, die ich ihr gelobt? Nein,bei Gott, das will ich nie, und diese Stunde möge es beweisen."
Er hielt inne, denn er erblickte die Gartenthür des Hauses sich öffnen und Ange-lika die Jüngere, langsam den Weg nach der Fontaine einschlagen. In wenigen Minu-ten hatte sie den Ort erreicht.
Das junge Mädchen sah wunderbar schön aus, das Licht des Mondes gab ihre«Zügen fast eine Marmorblässe, und wie eine überirdische Erscheinung dünkte sie de«Auge Rudolphs, als sie ihm gegenüberstand. Alles vergaß er in diesem Augenblick, da»einzige Gefühl des Wiedersehens der so lang Ersehnten verschlang alle Vorsätze, —- alleGründe der berechnenden Vernunft. Er breitete die Arme aus, als wolle er die Heiß-geliebte umfangen, und mit bebendem Tone flüsterte seine Lippe den Namen: „MeineAngelika!"
Das junge Mädchen zitterte. Sie stützte sich auf den Rand der Fontaine, u«ihre Gefühle zu bemeistern — dann erwiderte sie:
„Nicht also, Herr Baron von Duroy, nicht dieser Ton darf es sein, der meine«Namen nennt. Ihre Angelika ist meine Cousine, Ihre Braut — ich bin nichts weiter,als ein armes, schwaches Mädchen, das, um in Ihrer Mannesstärke Kraft und Trost zusuchen, sich in Ihren Augen compromittirt."
„Nehmen Sie meinen Dank," fuhr sie fort, „daß Sie meinem Wunsche nachkamen.Ich mußte Sie sprechen, ehe die Morgensonne den neuen Tag verkündet, um zu erfahren,ob meines Bleibens in diesem Haufe sein darf, ohne die beste der Frauen schändlich z«verrathen?"
„Angelika!" unterbrach Nudolph sie mit schmerzlichem Tone, „ich bin nicht mehrder Jüngling, der einst mit glühender Leidenschaft um Ihre Liebe sichte. Die Noth-wendigkeit hat sich mit eisernen Klammern um mein Herz gelegt, und jede Wallungerstickt. Dennoch aber, Angelika — dennoch vermag sie nicht das theure Bild mit ihre«undurchdringlichen Wolken zu umschleiern, das als Ideal in meinem Herzen thront unddies Bild ist das Ihre. Ihrer Cousine reiche ich meine Hand, aber Ihnen bleibt mei«Herz, Ihnen bleiben alle meine Gedanken."
„Wehe Ihnen, Herr Baron, daß noch immer dieser unselige Wahn Sie bethört,"erwiderte Angelika. O lernen Sie meine Cousine näher kennen, glauben Sie mir, derZwang der Verhältnisse macht sie nicht minder unglücklich, als Sie selber und vielleichtauch mich, denn sie liebt Sie, Herr Baron, mit der vollsten Glut eines nie entweihte«Herzens. Aber wie edel diese Liebe, wie cntsagungsreich sie ist, das möge Ihnen dasGeständniß enthüllen, daß sie mich aus untergeordneter Stellung befreit und hierher ge-rufen hat, um für immer ihr Haus zu theilen."
Nudolph fuhr auf. „Wie?" rief er. „Sie bleiben in meiner Nähe! Ich ssLSie täglich, stündlich vor diesen Augen sehen, soll Ihre Stimme an mein Ohr, in mei«Herz dringen hören, o dies wäre das Glück des Paradieses, wenn es nicht für mich dieQualen des Tantalus bedeutete."
Angelika legte sanft die Hand auf seine Schulter.
„Richten Sie sich auf, mein Freund," sagte sie sanft. „Was nützt es, der Gefahrfeige zu entweichen, die uns doch früher oder später trifft? Nudolph, wenu es wahrist, wenn in Ihren Worten kein Falsch, daß ich noch nicht a«s Ihrem Herzen verdrängt,so hören Sie, was ich in dieser Stunde zu Ihnen rede."
„O, ich will hören, als ob ein Engel mir das Heiligste der Evangelien verkündete.*