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spricht nicht bloß der Reihe, sondern auch der Intensität nach der Kindersterblichkeit imersten Lebensjahre, mit der einzigen Ausnahme von Ober- und Unterfranken , indem imhöher gelegenen Oberfranken die Kmdersterblichkeit 21 Proc., in Untcrfrankcn 23 Procentist. Eine veranlaßte gleichmäßige Erhebung der Lcbendgeborencn und der im erstenLebensjahre Gestorbenen in den zehn Jahren 1846/56 von Regierungs-Rath Dr. Sickhat ergeben, daß dort bei Ausscheidung der einzelnen Oberämter (also kleineren Bezirken)die Unterschiede noch größer sind. Ju den höchstgelegencn Oberämtcrn der rauhen Alpesind von 100 Lebendgeborenen durchschnittlich im ersten Lebensjahre 51 gestorben und imtiefstgelegcnen Oberamt Mergentheim in allmähligcr territorialer Abstufung nach der Höhenur 23 Procent.
Es erscheint nun nicht mehr auffallend, daß in den Tief- und Flachländern Preu-ßens, Belgiens und Hollands und selbst Frankreichs eine geringere Sterblichkeit ist, wiein der bayerischen Nhcinpfalz, weil dort wie hier die Elevation über die Mceresfläche einegeringe, somit das Klima den neugeborenen Kindern günstig ist. Es bedarf nur einereingehenden Betrachtung dieser Verhältnisse, um dieselben bei Anwendung großer Zahlenauch immer bestätigt zu finden. — Und wäre es nicht die Statistik, so wäre es fernerdie Physiologie, welche diese Thesis der größeren Kmdersterblichkeit in Hochländern auf-stellen würde. Das zarte Leben der Neugeborenen ist gegen Wittcrungs - Einflüsse amEmpfindlichsten, und keine Kunst und keine Gunst der Kultur, der Wohnung, der Pflegekann die dünnere Luft, den raschen Temperaturwechsel, die stärkere Verdunstung, die in-tensivere Inhalation, die häufigen Winde, die stärkeren Barometer- und Thermometer-Schwankungen in Hochländern beseitigen. Es war und wird deßhalb immer so bleiben.Die Früjahrsfröstc, welche so viele Blüthen und Hoffnungen in der Pflanzenwelt zer-stören, sind permanent für die ersten Blüthen des Menschengeschlechtes durch die Eigen-thümlichkeit des Klima's auf Hochebenen. Dagegen für die späteren Jahre ist diesesKlima der Entwicklung günstiger, und die besten Soldaten, die hohen Lebensalter und diegrößte Fruchtbarkeit der Ehen finden sich auf diesen Territorien, was in dem oben er-wähnten ärztlichen Jntelligenzblatt nachgewiesen ist. Neben dieser Allgemeinheit der phy-sikalischen Agentien als dem mächtigsten Regulator der Sterblichkeit im ersten Lebensjahrebleibt aber noch die Macht der Kultur und Gesittung, welche durch diese Thesis nichtabgeschwächt werden soll. Nur versuche man nicht, mit kleinen Zahlen und Beispielendiese allgemeine Erfahrung und physiologische Thesis zu widerlegen. Die Statistik hatnur Werth und Geltung in großen Zahlen, niemals bei kleinen, und hier kann nur dieRegel gefunden werden, wenn mit wenigstens 100,000 Lebcndgcboreneu gerechnet wird,die auch in kleinen Gemeinden gefunden werden können, wenn das Material für einelange Reihe von Jahren zurück vorhanden ist. Die Regel und das Gesetz der Mehr-geburt von Kuabcu, daß auf je 100 Mädchen 105 bis 107 Knaben geboren werden,findet sich nie bei kleinen Zahlen und in einzelnen Gemeinden, immer aber, wenn wenig-stens 100,000 Geburten registrirt werden. Diese kleine Schwankung von 105 bis 107muß den Irrungen bei der Registrirung offen gelassen werden, weil die unreif und todtGeborenen nicht regelmäßig constatirt werden, und diese das Gesetz mit constituircn. —Die Thatsache der stets zunehmenden Kindersterblichkeit in Bayern seit 1835 beweist, daßaußer territorialen Einflüssen, welche alle Jahrzehnte gleichbleibend zu erachten sind, nochandere Factoren für diese Steigerung wirksam werden. Nach einer Zusammenstellungvon Dr. Mayer, Mitarbeiter im statistischen Bureau in München , waren von je tausendLeichen solche im Alter von 0 bis 1 Jahr im Durchschnitt der 25 Jahre 1835 60: 390,im Jahre 1863/64: 424 und im Jahre 1864,65: 414, also eine Differenz von14 Proccnt zwischen dem Durchschnitt der ersten 25 Jahre nnd dem letzten Jahre. —Dasselbe Verhältniß der Steigerung zwischen 10 und 16 Proccnt berechnet sich bei jedemeinzelnen Kreise in denselben Zcitperiodcn. Diese regelmäßige Steigerung in allen Kreisenimponirt, und hier ist die Ursache in ethnographischen socialen Zuständen zu suchen. —