Nk-O. 23
6. Juni 1869.
MIM
Den«, so spricht der Herr der Welten,
Mein ist die Rache und ich will vergelten.
Z. Werner.
Auf der Jagd.
Zweites Kapitel.
(Fortsetzung.)
Am anderen Tage war Hochzeit und ein festlicher Zug begab sich in die kleineDorfkirche, die kaum das feiernde, schauende Publikum fassen konnte. Aber es war auchein herrliches Paar, das dort voranschritt, in jugendlicher Anmuth strahlend. Wie standdem Bräutigam die knappe Jägertracht so hübsch, wie leuchteten seine Augen! Wie stolzund glücklich schritt er an der Seite seiner schönen, wundcrlieblichen Braut! Man saheS ihr an, daß der Wald sie groß gezogen, daß gar ein frisches, wonniges Leben in ihrpulsierte, und daß jeder Hcrzschlag, voll und kräftig, das ganze große, unaussprechlicheGlück zu verkünden strebte. Da war nichts angeblaßt und angekränkelt von Stadtluftund Bücherweisheit, nur ein frohes, heiteres Kind des Waldes, schritt sie leuchtendenAuges und mit gcrötheter Wange einher und in ihrem weißen Kleide, — der grünenSchärpe und mit dem Myrthenkranz im Haar, glich sie einer rosig angeglühten Apfel-blüthe, die, leicht unter Blättcrgrün versteckt, lächelnd glücklich in die wunderbare Früh-lingswelt hinausschaut.
Es war ein schönes Paar, und eine glückliche Zukunft lachte ihnen voll entgegen,und die blühendsten Hoffnungsträume legten sich schmeichelnd um ihre Brust. . . . Undso schritt es durch die Reihen neugierig gaffender Bauern dem Kirchlein zu, gefolgt vondem Brautzuge, unter dem der alte Oberförster mit seiner kräftigen, straffen Gestalt her-vorragte, der heute ein fröhliches, herzliches Auflachen kaum unterdrücken konnte. DerZug war endlich in der Kirche angelangt, das Brautpaar trat an den Altar und denPriester hielt seine einsegnende, zum Herzen gehende Rede. Das Sonnenlicht spann durchdie hellen Kirchenfenster seine goldenen Fäden um den Altar, und — was noch lieblicherwar, gerade um den Kopf der jungen Braut, daß sie es wie ein freundlich-milderHeiligenschein umgab, und Jeder fast in Ehrfurcht auf die Knieende blickte.
Der das Kirchlein umgebende Kirchhof war wie rein gefegt. Alles hatte sich in dieKirche gedrängt. Die Worte des Priesters, die Glück und Erdenleid erwähnten, dasdie jungen Leute gemeinsam tragen sollten, schallten über die grünen Hügel, unter denenso Viele schlummerten, die einst dieselben Worte gehört und auch heißklopfendcn Herzensin das Leben und die dunkle Zukunft geschaut hatten.
Es ist ein eigenes Ding um eine Dorfkirche, die so wunderbar magische Kreise nursich zieht, daß all' die Dörfler, wenn sie Pflug und Spaten für immer aus der zittern-cdn Hand gelegt, ihr Haupt dort zum ewigen Schlummer hinlegen, wo sie schon immerdie stille, Herz und Gemüth erquickende Sonntagsruhe feierten, und weil Kanzel undAltar da drinnen für die noch Athmenden, so suchen sie stille, schattige Plätze an ihrerMauer, und eine alte Linde oder ein Ahorn hält seine leise, monotone Predigt, geradewie es der Herr Pfarrer an heißen, müden Nachmittagen auch gemacht, — und streuetdann welke Blätter, wie zum Segen, auf die schweigend horchenden Hügel.