Ausgabe 
29 (13.6.1869) 24
 
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Drcl aus dem zusammengebrochenen Manne herauszufrageu, der ewig über seinen er-schossenen Sohn und über das Lachen im Walde klagte, und sich immer tiefer in seinedüstern Träumereien verlor, die endlich, nach Bescheinigung der Aerzte, in stillen Wahn-sinn übergingen, der bereits, nach ihrer Versicherung, bei Ausübung seiner That vorge-waltet haben muffe, so daß er jedenfalls nicht kriminalisch bestraft werden könne. Sowanderte der Wildschütz, statt auf das Schaffst, wie man erwartet hatte, in das einzigeIrrenhaus der Provinz. Besonders konnte sich das HeimathS-Dorf über diese schreckliche >'Humanität nicht zufrieden geben, weil ihni damit ein ohnehin so seltenes Schauspiel wiedas einer Hinrichtung, auf das man sich nicht wenig gefreut hatte. Plötzlich entzogenworden war.

Anfangs hatte man gefürchtet, die beiden Irrsinnigen, die eine sonderbare Verflech-tung des Geschickes hier wieder zusammengeführt, mit einander in Berührung zu bringen;im Laufe der Zeit aber war weniger darauf geachtet worden, und als sich die Beiden zumersten Mal von Ferne sahen, betrachten sie sich ruhig; man fand eine weitere Annäherungnicht gefährlich und der stille, melancholische Wildschütz war bald der einzige Spielgefährte,der dem Oberförster zugetheilt werden konnte, während ihn mit anderen Irrsinnigen inBerührung zu bringen, höchst gefährlich blieb; denn sobald einer derselben lachte, unddiese Unglücklichen lachen so gern, gcricth er in höchste Wuth und mußte dann auf vieleTage eingesperrt werden. Dagegen paßten die Beiden vortrefflich zu einander. DerWildschütz lachte nie, er sah stets düster und traurig aus und wischte nur von Zeit zuZeit über die gerunzelte Stirn, als könne er damit etwas verscheuchen, was tief dadrinnen in seinem armen Kopfe düstere, unheimliche Fäden spann, und das Netz desWahnsinns immer dichter webte. Sie gingen mit einander fleißig auf die Jagd in ihremkleinen, abgegrenzten Revier, und zuletzt wurde der große, starke Wildschütz, nach einemschweigenden Uebcreinkommcn, der Hund des Oberförsters, und kauerte sich still auf denBoden, und blickte aufmerksam auf den zielenden Oberförster, der Stunden lang imAnschlage lag, und wenn er dann endlich abgeschossen, mit einem schnalzenden und knal-lenden Paff der Zunge, dann sprang der Wildschütz eiligst ein Stück fort, apportirte daserste beste Stück Holz, brachte es dem Oberförster, der es abnahm, und dann beifälligsagte: ..eouclia!" und der getreue Hund kauerte sich wieder ruhig an seine Seite.

So trieben die Armen ihr harmlos kindisches Spiel, das doch Jeden, in die Ge-schichte ihrer Vergangenheit Eingeweihten, das Her; zerschnitt, weil die Nacht des Irrsinnsum zwei Herzen hier eine Art srcundschaftlichen Bandes geschlungen, die sich in ihremfrüheren Leben so tiefe, unheilbare Wunden geschlagen, und wie zwei wilde Thiere zähne-fletschend und grinsend sich gegenseitig ihre junge Brüt zerrissen hatten. Es war einherzerschütternder Anblick, diese beiden Männer, die sich Brust au Brust in den Abgrunddes Wahnsinns gewälzt, jetzt mitten in diesem Abgrund so kindisch-harmlos mit einanderspielen zu sehen.

So saßen sie an einem heißen Julitage wieder beisammen und hielten große Jagd.

Der Oberförster war in vollem Eifer und stand fortwährend gespannten Hahnes auf derLauer ; aber auch sein Hund war heute lebendiger als sonst, er kauerte nicht am Boden,sondern lief unruhig hin und her. Es war viele Tage schlechtes Wetter gewesen, undmau hatte sie deßhalb eingesperrt gehalten; heute aber war es so schön, die Sonne schienso freundlich hernieder, und ihr Blick erregte auch wärmeres Leben in den Adern derbeiden Irrsinnigen. DasPaff" des Oberförsters ertönte heute kräftiger als je, undder Stock schlug ordentlich wie ein tüchtiger Gewehrkolben an seine Wange. Der Hundsprang augenblicklich darnach und brachte freundlich grinsend ein ganzes Reisigbündel;aber statt wie sonst, es dem Oberförster zu Füßen zu legen, sprang er heute lustig damitherum und jedes Mal, wenn Jener darnach langte, entwischte er ihm mit der Beute.

So trieben es die beiden Irrsinnigen eine ganze Weile, zur großen Belustigung desHundes, der immer hastiger und rascher hernmsprang, während der Oberförster immer