ungeduldiger nach seiner Beute griff; wie er aber wieder hastig nach dem Bündel langte,und sich vorn über bog, verlor er plötzlich das Gleichgewicht und stürzte zur Erde. Daskam dem andern Irrsinnigen doch zu komisch vor, wie sich der dicke Oberförster auf demBoden wälzte, und der sonst so schwermüthig und schweigend vor sich Hinstierende brachPlötzlich in ein Helles, übermüthiges Lachen aus, das zuletzt in jene entsetzlichen Töneüberging, — wie sie dem Oberförster damals an der Leiche seines Kindes in's Ohrgeklungen.
Dieser stimmte heute aber nicht mit ein; er hatte kaum das Lachen gehört, als ersich wüthend aufraffte und dem noch immer Hcllauflachcnden einen fürchterlichen Schlag,mit seinem Stock versetzte, daß dieser zur Erde taumelte und aus einer großen Wundean der Stirn blutete Der Stock entfiel dem Oberförster aus der Hand, und als erdas Blut aus dem Munde des Getroffenen langsam hervorquellen sah, da schien ihmeine ganze Vergangenheit herauf zu tauchen; es wurde Plötzlich licht in seinem armen,gequälten Kopfe, und Alles, Alles stand nun wieder' in voller Frische vor seinem Auge,Die hervorquellenden Blutstropfen erzählten von seiner Tochter, von ihrem Mörder und,o Gott! es begann in ihm zu tagen: heute krümmte sich der Mörder zu seinen Füßen,erschlagen von seiner Hand, als habe das Schicksal Vergeltung üben wollen.... Wowar er? — War das Alles ein wüster, wilder Traum? — „Mein Kind, mein Kind!"jammerte der Unglückliche; „Mord, Mord!" und er stürzte aus dem Garten auf dasHaus zu, aus dem ihm bereits die von dem Geräusch herbeigeführten Wärter entgegen-traten. Man schleppte den Verwundeten in seine Zelle, er war zum Tode getroffen undhatte nur noch wenige Stunden zu leben.
Der Oberförster erzählte klar und ruhig das Vorgefallene; man staunte über dieplötzliche Veränderung desselben, die fast nichts mehr von Wahnsinn durchblicken ließ —und führte ihn auf sein inständiges Bitten zu dem Verwundeten, der bei dem Komme«des Oberförsters die Augen aufschlug und mühsam hervorleuchte: „Das war gut, eSspinnt nicht mehr hier oben... der Holzwurm, der sich dort eingenistet hatte, pickt undknarrt nicht mehr . . . das war ein Meisterschuß! Ja, ja, — wir waren Beide guteSchützen: in den Kopf oder in's Herz! Ach, mein Sohn! Barmherziger Gott!" —-Und die schuldbeladene Seele hatte ihren letzten Seufzer ausgehaucht.
Der Oberförster war in der That genesen, und konnte aus der Anstalt entlasten^ werden. Von einer gerichtlichen Verfolgung seines im Irrsinn begangenen Todtschlageswurde unter den obwaltenden Umständen abgestanden. Der alte, gebrochene Wann fandeine Zufluchtsstätte bei dem Förster Kuntz, der jetzt nicht mehr so blutjung, sondern einMann geworden war, aber nicht gehcirathet hatte, "weil er das Bild Anna's nicht ausdem Herzen verwischen konnte. Und jetzt saßen die Beiden, nach vollbrachtem Werk, ofrin die Dämmerung hinein, sprachen von Anna, dem lieblich holden Kinde, zauberten mitallen Licbesfarben das Bild des theuren Mädchens herauf, bis dem alten Manne dieheißen Thränen über die gerunzelte Wange hinabliefen, Kuntz schweigend aufstand, undim grünen Wald seiner wehmüthigen Stimmung und seiner Thränen Herr zu werdensuchte. Und Derjenige, der einst die Gunst des Oberförsters sich nicht zu erringen ver-mochte, war jetzt sein treucstcr, sein einziger Freund.
Sonntags ftirnmnug.
O, wie klinget östlich, westlichDurch die Thäler, überallSo besänftigend und festlichHeiliger Kircheuglockenschall!
Eine große FeierstundeGeht im weiten Landkreis um:Heilung jeder ErdenwundeKündige an das Christenthum!
Und wie staunend manch Jahrhundert,Sich um lein Panier gesellt,
So erariffen und verwundertFolgt mein Herz ihm durch die Welt!
7arl Mager.