Ausgabe 
29 (13.6.1869) 24
 
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Die ägyptische Wüste

Auf einer eben beendeten Reise durch Aegypten hat Herr Omen sehr viele Punkteder Wüste zum Zwecke geologischer Studien besucht, und hatte den Vortheil, die Durch-schnitte der Erdschichten prüfen zu können, welche gegenwärtig durch die Arbeiten amSuez-Kanal zwischen Ismailia und Suez freiliegen. Einen kurzen Abriß der Hiebeierlangten Resultate legte er der Pariser Akademie vor. Fossile organische Ueberreste hatHerr Owen an folgenden Punkten gesammelt: in der Umgebung von Kairo , in Mem-phis, in den Ebenen von Kalaiat Baiun, welche zur Lybischen Wüste gehören, die sich- durch den Reichthum an versteinerten Stämmen von Palmen und anderen Bäumen aus-zeichnet, in den Kalkfelsen von Beni-Hassan , in der Schlucht des Babel Molook, die zuden königlichen Gräbern in Theben führt, und endlich am Salzwasserkanal zwischen Port-Seid und Suez und an den sich daranschließenden Erdarbeiten. Die Zusammenstellungder Zeugnisse, welche durch die so gesammelten Reste geliefert werden, bestätiget die Auf-nahme, daß die Wüste das trocken gewordene Bett eines alten Meeres ist. Die an ver-schiedenen Orten gemachten Beobachtungen beweisen ferner die Länge der geologischenEpoche, während welcher die mineralogischen Elemente des Kieses, des Kalkes, des Mar-mors, Alabasters, des nummulitischen Kalkes, des gypsartigen Thones, der Muschel-bänke, der losen Kalkthonschichtcn, des Sandes und Wüstenstaubes sich über den Bodendes alten Meeres verbreitet haben, das endlich durch die Erhebung der Landenge verdrängtwurde. Die organischen Reste, welche hier gesammelt werden, deuten ein Zeitepoche an,welche sich vom oberen Oolith und den Kreideschichteu bis zu der tertiären Epoche desalten Eozen und jcucs mittleren Miozen erstreckt. Die Uebereinstimung, welche in Bezugauf die organischen Ueberreste zwischen den jüngsten und am Weitesten verbreiteten Abla-gerungen der ägyptischen Wüste und den miozenen Schichten in Malta herrscht, ist einervon den Beweisen für die große Ausdehnung des Bettes jenes tertiären Meeres. Anden gegenwärtig in schnellem Fortschritte begriffenen Durchstichen zwischen Ismailia undSuez sind die Schichten größtentheils horizontal; hie und da zeigt jedoch ein leicht-schiefeNeigung, daß an dieser Stelle die Hebung stärker gewesen. In Serapeum, in der Nähedes großen Beckens der Bittersten, bestehen die Schichten vorzugsweise aus feinem, zuwei-len leicht zusammengebackenem Stande, der viel Kiesel enthält, dem manchmal zahlreicheKnoten verhärteten Thones beigemischt sind. Sechs, acht oder zehn Fuß unter diesenAblagerungen sieht man dünne Schichten von brüchiger Kalksubstanz und von mehr oder wenigerfesten Gypsablagerungen mit ihnen abwechseln, die darauf hinweisen, daß der Zustandder Quellen, aus denen die in dem alten Meeresbettc sich ablagernden Substanzenstammten, sich mit der Zeit verändert hat. Erst nachdem die Bildung des gegenwär-tigen Kontinentes von Afrika weit genug vorgeschritten war, um die Regen- und geschmol-zenen Schneemasscn der hohen Bergketten aufzunehmen und um den Wasscrströmcn dieerforderliche Richtung zu geben, konnten die jährlichen Ablagerungen des Nils beginnen,welche auf dem alten, nach und nach sich erhebenden Grunde des Meeres ruhen und,wie bereits Herodot wußte, kulturfähigcn Boden Aeghptens bilden. Die Bohrar-beiten, welche Leonard Hörner begonnen und unter Leitung des Ingenieurs Hekekyan-Bcyfortgesetzt wurden, haben eine Grundlage geliefert, um einen Theil der Zeit-Epoche abzu-schätzen, während welcher diese merkwürdige und fast einzige Landbildung sich entwickelthat. Was vor allem Aegypten charakterisirt, ist, daß es den Beweis liefert, wie nochjetzt sich in jedem Jahre neues festes Land bildet. Und, merkwürdig genug, dieser jüngsteund zuletzt gebildete Theil der bewohnbaren Erdoberfläche war der Aufenthalt der ältestenzivilistrten Völkervereinigungen. Die von Mariette-Bey zu Sagarrah und zu Memphisgemachten Entdeckungen scheinen bewiesen zu haben, daß die Epoche des Gründers derzweiten Pyramide in das dritte Reich der vierten Manelho-Dynastie gehört, welche nichtweniger als 6000 Jahre vor der gegenwärtigen'Zeit zurückweicht. Bei dieser Gelegenheit