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Apostel Miericke.
Ueber eine heitere Versammlung, die dieser Tage in Berlin stattgefunden, berich-tet ein dortiges Blatt sehr drastisch: „Der Schneider Miericke, der Verkünden einer neuen,allerdings etwas unklaren Glaubenslehre veranstaltet jetzt und zwar wie wir erfahren, anjedem Montag regelmäßige Versammlungen im „Kaiscrgarten" hiersclbst, in welchem erdie Gläubigen um sich schaarl, die Ungläubigen zu bekehren sucht. Wir haben unserenLesern schon früher einmal Mittheilung gemacht über die Vortragsweise dieses neu auf-getauchten Apostels; das aber, was wir durch persönliche Wahrnehmung beim Besuch derletzten dieser Versammlungen gesehen und gehört haben, übertrifft doch noch Alles, wasZeitungsberichte bisher in die Öffentlichkeit gebracht, und wir können nicht umhin, eineausführliche Schilderung des Schneiders Miericke und der von ihm berufenen Versamm-lungen folgen zu lasten.
Schon zu früher Stunde war der Saal des „Kaisergartcns" mit Gästen überfüllt.Eine Temperatur von mindestens 20 Grad Rcaumur, undurchdringlicher Tabaksgallmund Weißbicrdunst machten den Aufenthalt in dem Saale fast unerträglich, und unsereGeduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Endlich, gegen 9 Uhr, nachdem die Erwar-tung der Gaste bis anss Höchste gestiegen war, wurde der Ruf laut: „Bruder Mierickekommt!" Und siehe da! die Thüren des Saales öffneten sich und, getragen von zweiMännern, erschien der Prophet, hinter ihm die Schaar seiner Gläubigen. Hurrah! undabermaliges Hurrah! empfing den sehnsüchtig Erwarteten, der, nachdem er bis in denVordergrund des Saales geschleppt war, die Sitzung also eröffnete: „Jeliebte Brü-der!" (Allgemeines Bravo- und Dacapo-Nufen.) Der Apostel folgte dieser ehrenvollenAufforderung und begann noch einmal: „Jeliebte Brüdcr! ich habe euch zuerst zu ver-melden, daß Bruder Lehmann heute nicht jekommen ist. Schad't ooch nischt, wir werdenohne ihm ooch fertig. (Bravo !) Jeliebte Brüdcr! ich komme immer wieder auf meineLehre zurück, das heißt, ich sage Euch, uns fehlt die Einigkeit. (Unterbrechung undstürmisches Bravo.) Jeliebte Brüder! ich sage Euch auch, wir wollen keine Kirchenmehr bauen denn warum? wir haben Häuser genug leer stehen, und wir selbst, jeliebteBrüdcr, untereinander sind uns Kirche genug." (Bravo ! Sehr gut!) — Der Redner,von kleiner Statur, ist von dem im Hintergrund des Locals sich Befindenden nicht zusehen; es macht deshalb einer der Zuhörer den Vorschlag, Bruder Miericke solle auf«inen Tisch gehoben werden, damit auch die „Ungläubigen", welche sich in jenem Winkelzusammengerottet hätten, zur neuen Lehre herangezogen würden und Alles, was BruderMiericke spräche, besser in sich aufnehmen könnten. Der Prophet weigert sich zuerst,muß man aber den Brüten und dem Drängen seiner Schüler nachgeben; man setzt einenStuhl auf einen Tisch und Bruder Miericke nimmt auf diesem erhöhtem Sitz Platz.Jetzt erst sehen wir den Propheten in seiner ganzen Glorie und bemerken, daß sein Co-stüm etwas sehr nachlässig, wenn nicht geradezu unanständig ist. Das ganze Auditoriumbricht in ein schallendes Gelächter aus. Miericke, nachdem sich der Sturm etwas gelegthat, beginnt abermals: „Jeliebte Brüdcr! Lacht man immerzu, ich nehme den Spottauf mir, ich muß ihm hinnehmen. Schon Viele haben mir verspottet, die sich jetzt zumeiner Lehre bekennen und meine jeliebten Brüder sind." (Bon einem der ersten Tischeertönt der Ruf: „Bruder Miericke, neben mir sitzen aber ein paar böse Brüdcr.,,) Auchdie habe ich lieb," antwortete der Apostel, „denn sie werden später erkennen, was ichwill. Und nun, jeliebte Brüder, schlage ich vor, daß wir einen Ehoral singen." (Bra-vo !) Einer von der Versammlung schlügt als abzusingenden Ehoral das Lied von„Röschens Piepmatz" vor; sogleich fällt der Chorus ein und singt: Röschen hatteeinen Piematz u. s w. Nach der ersten Strophe jedoch verstummt der Gesang und manverlangt nach etwas Anbei in. Ein Herr kletterte auf den Tisch, stellte sich neben denPropheten intonirte das Lied: „Saßen einst zwei Turteltauben, siehste wohl! u. s. w.", in