Ausgabe 
29 (20.6.1869) 25
 
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welches die ganze Versammlung einstimmte. Nach Beendigung dieses LiedeS schlug Einernvor, den Dirigenten des soeben beendigten Gesanges zumBruder Küster" an der neuzu begründenden Kirche zu ernennen. Bruder Miericke ertheilte seine Genehmigung zu die-ser Amtsverleihnng, worauf dieselbe unter lebhafter Acclamation der Versammlung statt-fand. Inzwischen hat sich das kleine Local so sehr überfüllt, daß es dem Propheten,trotz seiner mäßigen Bekleidung zu heiß wurde, und er seinejeliebten Brüdcr" auf-forderte, ihm in den Garten zu folgen. Hier wurde der Ulk weiter getrieben. BruderMiericke wurde verschiedentlich intcrpellirt, unter Anderm, wie er über die Erschaffungder Welt dächte. Auch diverse Anträge wurden gestellt, z. B. der Antrag, auch Schwe-stern aufzunehmen, damit die neue Gemeinde auch Bestand habe u. s. w. Schließlichaber wurde die Haltung der Versammlung eine ruhigere, und wir verließen diesen Tem-pel des höheren Blödsinns, können aber Jedem, der sich ein Stündchen der Langeweilevertreiben will, den Besuch einer solchen von Bruder Miericke präsidirten Versammlung,bestens anempfehlen. (Zukunft.)

Neueste Gaunerei.

Folgende Geschichte wird inBerliner Blattern" erzählt: Der Banquier Mendein Leipzig erhielt von dem HandlnngshauseHachette und Massen" in Paris , dessenGeldangelegenheiten Mende schon seit einer Reihe von Jahren in Deutschland besorgte,folgenden rccommandirten und durch einen Erpressen überbrachten Brief:In größterEile theilen wir Ihnen mit, daß unser Cassirer sich heimlich davon gemacht und uns200,000 Francs in Wechsel entwendet hat. Die Geständnisse seiner Frau, der wir fürihre Offenheit unsere Theilnahme zugesagt, lauten dahin, daß Gramer, so heißt derCassirer, nach Deutschland geflohen ist und am 16. ds. Mts. (Mai) in Leipzig , imHotel dc Prusse, wohin seine Frau, wenn nöthig, telcgraphiren soll, logircu wird. Wirbitten Sie, ihm, doch vorläufig ohne Polizei und ohne Aufsehen, die Wechsel abzunehmenund uns alsbald zurückzusenden. Gibt er sie Ihnen nicht gutwillig, so nehmen Sie so-fort die Hülse der Polizei in Anspruch. Seine Frau und drei Kinder, die er hinter-lassen, dauern uns. Wir haben versprochen, mild zu verfahren. Wenn er Ihnen dieWechsel gutwillig zurückgibt, so zahlen Sie ihm für unsere Rechnung zwanzig tausendFrancs, damit er nach Amerika entkommt und unser Haus nicht compromittirt. Gramerist elegant gekleidet und groß, hat volles, schwarzes Haar, einnehmende Gesichtsformcn,und auf der rechten Backe eine schon von Weitem ausfallende Narbe. Bitten um baldigeNachricht und grüßen: Hachette und M asson." Der Banquier Mende wußte seinemPlan, den er als kluger Mann in der Sache sich vorzuzeichncn halte, schon gerecht zuwerden. Am 16. Mai, Mittags 1 Uhr, ließ er seinen Wagen vorfahren, und begabsich in s Hotel de Prusse, um dort zu speisen. Als er in den Spciscsaal trat, fand erdie ansehnliche und gewählte Gesellschaft eben im Begriff, sich zur tadle ei'luöte zu setzen.Unser Banquier musterte die Versammlung, und nahm dann Platz an der Seite einesgroßen, elegant gekleideten Mannes mit schwarzen Haaren und einer Narbe auf derrechten Backe. Die Nachbaren unterhielten sich bei Tische ganz vortrefflich. BeimDessert wandte sich der Fremde an seinen Nachbar, welcher während der Tafel sehrzuvorkommend gegen ihn gewesen war, - mit der Frage:Würden Sie mir wohl einenBanquier nachweisen, bei dem ich Wechsel discontircn kann?"Ich selbst bin Banquierund würde Ihre Wechsel, wenn sie von guten Firmen sind, recht gern annehmen."Ei, das ist ja herrlich!"Wenn es Ihnen beliebt, so können wir gleich von hieraus nach meinem Comptoir fahren und die Sache in wenigen Minuten ordnen."Sehr gütig!" Sie tranken dei?Rest des Champagners," setzten sich in einen Wagenund fuhren zum Mende'schen Geschäfts-Lokal. Als Beide im Comptoir des Banquiersangekommen waren, zeigte der Fremde seine Wechsel vor. Der Banquier musterte die

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