Kalme Schwelte, Lotteriesetzer.
Von N. Denneberg.
Es ist ein kalter Wintcrtag, der Schnee bedeckt wie ein Leichentuch Wald undFlur, das Eis bildet Blumen auf den Fenstern, — und doch geht es lustig zu in derSchule von Iffcrl Melaincd. Was sage ich Schule, ich verbessere mich und sage imCheder. Der Familienname meines ersten Meisters und Lehrers ist mir entfallen, meinGedächtniß hat nur den Vornamen und Charakter aufbewahrt.
Zur Zeit als diese Erzählung sich abspielt, gab es in Nikolsburg noch keine öffent-liche hebräische Schule; das Hebräische ward in einem Zimmer gelehrt. Die Lehrer andiesen Schulen brauchten keine Studien gemacht zu haben, hatten nicht nöthig, sich einerPrüfung zu unterziehen, der Lehrer machte sich selbst zum Lehrer, er nahm sich selbstvorn Tisch deS Herrn das Diplom der Befähigung. Mein Lehrer, Iffcrl Melamed, warein braver Mann. Bis zu seinem vierzigsten Jahre ein ehrlicher Geschäftsmann, — ernährte sich und seine Familie im Schweiße feines Angesichts, und es ging ihm ziemlichgut. Aber Iffcrl wirthschaftete ab und ward Lehrer. Er lehrte die Anfangsgründe unddas Beten. Der Cursus an dieser Hochschule dauerte ein Jahr, und die entlassene»Schüler wanderten dann in ein anderes Cheder, — um die begonnenen Studien unterLeitung anderer mehr erfahrener Lehrer auf breiterer Basis fortzusetzen.
Es herrschte freudiges Leben in der Schule Jsserl's, und alles sanfte Zureden halfnichts. Wir kleinen Schüler ließen unseren Zungen freien Lauf, wir lachten, scherzte»und jubelten. Ruhe herrschte niemals bei Iffcrl, aber heute ging cö gar zu toll her.Wir hatten auch alle Ursache, uns zu freuen. Abends war der erste Channka (Weihnachts)-Abend; da wird das erste Lichtlein angezündet, wobei man recht schön singt, wenn wa»eS eben kann; da wird gesprungen, gehüpft, getanzt, gespielt und die Kinder werde»beschenkt. Ein köstlicher Abend -— voller Wonne und Seligkeit. Der Lärm bei Iffcrlwar zu groß.
„Wendet Belfcr, wo bist Du?" rief Iffcrl aus. „Bist Du ein Belfer!" Er, dergute Iffcrl, vergaß, daß Wendel selbst erst den Kinderschuhen entwachsen, selbst erst vier-zehn Jahre zählte, bei den Kinderspielen selbst erst mit zum Kinde wurde, und seineWürde als Belfcr (oder Behelfcr, Untcrlehrcr) vergaß. Wendel, das Kind armer Eltern,kernte nothdürftig lesen und schreiben, und ward Plötzlich zur Dignität eines Behclserserhoben, einer Stellung, zu der seine kühnsten Träume ihn nicht für befähigt erachtethätten. Sein Gehalt, von Iffcrl redlich ausgezahlt, war sehr unbedeutend, dafür hatteer aber freie Kosttage bei den Eltern seiner Zöglinge und am Roschhachoidisch (am erstenTage -— des jüdischen Monates), je nach Vermögen oder Herzensgüte der Mnitereinige Kreuzer Nekrcations-Geld, auch dann und wann einen Apfel oder anderes Obstzur Jause. Den Appell seines DircktorS überhörte Mcndel, oder wollte ihn überhören,um die heute Abends zu hoffenden Sportcln nicht in Frage zu stellen. Seine Aufgabeging dahin, die Sympathie seiner jungen Freunde heute besonders zu Pflegen, denn diegute Fürsprache der Kleinen hatte ihm oft schon manches Gute gebracht. Mcndel warein schlauer Politiker, und kannte den Weg zum Herzen der gefühlvollen Mütter.
„Kinder," sagte der gutwillige Iffcrl, welcher sich nun ganz verlassen sah, „wennIhr nicht ruhig seid, schick ich Euch nach Hause!"
„Guter, goldener Nabbe (Lehrer," schrien Alle gleichsam aus Einer Kehle, „schicke«Sie uns nach Hause, aber gleich."
Da trat Kalme Schmecke ein; sein Gesicht strahlte von himmlischer Freude.
Wer ist Kalme Schmecke und was war geschehen?
Wer vor vierzig Jahren in Nikolsburg gelebt, wird sich einer langen, hagere»Gestalt erinnern, die Stunden lang Straße auf und ab ging, mit sich selbst redete,Worte schnell vor sich hin murmelte, selbstgefällig lächelte, stets grübelte und scheu Jedemauswich, wenn eS anging, doch Jedem Rede stand, der ihn aufhielt, und in seinem