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tiefe» Jdecngange störte. Diese Gestalt war Kalme Schwelle. Aus seiner Jugend weißich nichts zu erzählen; als ich ihn kennen lernte, war er ein Mann in den Bierzigen.Er war fromm, betete und fastete. Unter den Ersten im Tempel eintretend, war erunter den Letzten, die ihn verließen. Mehr Arbeiter des Gedankens, war er kein Freundder Arbeit, wie wir sie in der Prosa dcö Lebens austasten, und arbeitete nur dann,wenn die äußerste Nothwendigkeit ihn dazu zwang; dann aber arbeitete er unverdrossen,trug Holz, spaltete es, ging um wenige Kreuzer als Bote nach benachbartenDörfern u. s. w. Er wußte wenig, beinahe nichts, aber er war ein großer Rechner —wirklich ein großer Meister im Rechnen, was noch mehr zu verwundern, da er nicht«inmal die Ziffern kannte. Rechnen war die Leidenschaft seines Lebens, war sein Lebenselbst. In jungen Jahren träumte ihm, — er werde eine Quinttcrne machen und einreicher Mann werden. Dieser Traum war sein Unglück. Von da an arbeitete KalmeSchinelke nicht mehr. Wozu auch? Er wird eine Quintterne machen und reich werden.Fünf Nummern setzte er bei jeder Ziehung. Viele Jahre flössen dahin, sie wurdennicht gezogen. Während dieser Zeit that er nichts als rechnen. So und so viel Guldenwerde ich gewinnen, so und so viele Kreuzer und Pfennige werde ich, muß ich haben,Las war seine vollste, kräftigste Ueberzeugung, die durch keinen Zwischcnfall erschüttertwerden konnte. Jedes Kind kannte bereits den Jdeengang Kalme Schmelke's, und erwurde deßhalb von Jedermann interpellirt, wann endlich seine Quintterne gezogen, undwie viel Gulden, Kreuzer und Pfennige er haben werde. Tausend und tausend Malgefragt, gab er tausend und tausend Mal geduldig Antwort. Und was wirst Du mitso vielem Gelde machen? — war gewöhnlich die andere Frage. Und abermals ant-wortete Kalme Schwelle mit gläubiger Ueberzeugung: „Ich werde viel, viel Geld haben,und mir einen Pelz und Paraplui kaufen."
Während dieses Dialoges hatten sich mehrere Buben gesammelt, die neckten nun denguten, braven Menschen, der ein Kinderfreund war, und alle Neckereien gutmüthig ein-steckte. Die bösen Buben zupften ihn, liefen davon, kamen wieder, zupften ihn wieder,»nd liefen wieder davon. Einige warfen sogar kleine Stcinchcn nach dem guten Manne,der sie alle liebte Endlich verlor die gute Seele Kalme Schwelle doch die Geduld, erlief den Jungen nach, erreichte sie, packte den erst Besten, hob die Hand auf, und ließsie sinken. Er halte nicht den Muth, nicht daS Herz zu schlagen. Seine großen blauenAugen füllten sich mit Thränen, und weinend und schluchzend sagte er den Kindern:»Ihr martert mich und ich habe Euch Alle so lieb! Dich und Dich," und nannte erAlle bei ihren Namen. „Ich werde eine Quintterne machen, viel Geld gewinnen undEuch Alle reichlich beschenken. Aber gebt mir Ruhe, ich liebe Euch ja unsäglich."
Dieser Mensch wohnte bei Jsterl Mclamed.
Er halte kein Bett, er schlief auf dem Backofen. Seine Habscligkeiten trug er ge-wöhnlich bei sich, und Wäsche und Kleidung war in einem kleinen Sackluche in irgendeinem Winkel der unansehnlichen Behausung ausbewahrt.
„Kalme Schmelkc, was wird aus Dir werden," sagte ihm oft Jsterl Mclamed,der ihm befreundet und verwandt war; „was wird das Ende sein?"
„Laß mich in Ruhe, mein guter Jsterl, Du wirst sehen, ich gewinne in der Lotterie,dann bin ich reich — und Dein Schade wird cS auch nicht sein," antwortete stets derInterpelliere.
Nun mischte sich Elkelc, die treue Gattin Jstcrl's, in's Gespräch. Elkele unterstützteihren Mann durch ihren Fleiß, sie war Scholethsctzcrin (Lieblingsspcisc am SamStag),»nd gewann durch ihre Emsigkeit an einem Tage mehr, als Jsterl in der ganzen Wochedurch sein pädagogisches Wirken.
„Jsterl," sagte die wackere Frau, „laß Kalme Schmclke in Ruhe. Ja, ja, er wirdgewinnen." Auch Breindl, die einzige Tochter Jstcrl's, zollte dem sanften Kalme SchwelleBeifall und Jsterl mußte nachgeben.