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„Breindl," rief nun Kalme Schwelle begeistert aus, „ich danke Dir aus vollemHerzen für den guten Glauben. Gott soll und wird mir helfen, und dann sollst DuGotteS Wunder sehen. Laß mich nur reich werden. Du liebes, gutes Mädchen, dannwerde ich zuerst an Dich denken; Du bist stattlich herangewachsen. Du bist züchtig, aberbald —" Kalme Schwelle hielt inne.
Breindl crröthete. Sie schien die nicht beendete Rede ganz gut verstanden undgewürdigt zu haben, denn sie warf dankvolle Blicke auf den Mann, der arm »nd ver-lassen in der Welt dastand, und Brosamen gold'ner Träume dem gläubigen und hoffen-den Mädchen spendete.
„Wenn ich gewonnen," sagte Kalme Schmelke noch, „dann habe ich mein Ziel er-reicht. Ich habe dann nicht umsonst Jahr aus Jahr ein gebetet, gefastet, Hunger undDurst, Kälte und Hitze, Spott, Hohn, Hintansetzung ertragen, dann" — seine Stimmeward feierlich, seine Augen schienen aus ihren Höhlen zu treten, dann schrie er laut auf,daß die friedliche Familie erschrocken zusammenfuhr — „dann schwöre ich beim allmäch-tigen Gott, beim Gott unserer Vätcr, setze ich nicht mehr in die Lotterie!"
„Amen," — sagte Jsscrl, „und jetzt wünsche ich zu Deinem Heile, daß Du baldgewinnst."
„Amen," betete Kalme Schmelke nach, versenkte sich in seine alten, ihm lieb gewor-denen Träume, hörte und sah nicht mehr, was um ihn her vorging, — und schien ganz
dem Kreise entrückt zu sein, in welchem er sich befand.
Seit dieser Unterhaltung waren mehrere Jahre dahingerauscht; die Nummern, dieKalme Schmelke golden träumte, wurden nicht gezogen. Wer den Schaden hat, — hatauch den Spott. Kalme Schmelke war die wohlfeile Zielscheibe des gemeinen Witzes.Seine Augen wurden matt — sie hatten ja viel in einsamen Nächten geweint, seine
Haare bleichten, und Breindl sing an, wenn auch nicht alt zu werden, doch das Alter
zu fürchten, in welchem arme, wenn auch tugendhafte Mädchen sich vergebens nach einemFreier umsehen.
Da kam der Tag der Erlösung. Was der Wahnsinn ersonnen, wurde durch gött-liche Fügung zur Wahrheit — zur vollen, glänzenden Wahrheit.
Kalme Schmelke gewann, seine fünf Nummern wurden gezogen.
Wer beschreibt den Jubel!
Lange stand er da, wie eine Bildsäule, als ob der Schlag ihn getroffen, konnte erkein Glied bewegen — dann schloß er die Augen, öffnete sie, traute sich selbst, seinenSinnen nicht. Nach und nach gewann er die Fassung, und ein Strom von Thränender Freude ergoß sich aus seinen Augen. Auch seine Sprache fand er wieder. Erfaltete die Hände und betete still vor sich hin. WaS er gebetet, ich weiß es nicht, aberich kann es ahnen. Nochmals schaute er die fünf goldenen Nummern an, dann hüpfteer auf und hinein in's Amt, laut aufschreiend: „Wer hat Recht!"
„Jetzt will ich mein Geld haben." Der Beamte erwiederte, daß er sich noch einigeTage gedulden müsse.
„Geben Sie mir tausend Gulden indeß für Breindl — das gute, süße Kind, dasmich niemals gemartert, mich stets getröstet, wenn alle Welt mich gehöhnt und verspottethat. Da haben Sie den Zettel, ich versetze ihn, ich vertraue ihn Ihnen an, Sie sind einbraver Mann, aber die tausend Gulden für Breindl muß ich gleich haben — auch einigeGulden für einen Pelz und ein Paraplui — und einige Gulden für Geschenke meinerFreunde. Ich will den Kleinen zeigen, daß ich Ihnen keinen Groll nachtrage, daß ichsie Alle unaussprechlich liebe."
Der Beamte willfahrte, und nun eilt Kalme Schmelke in sein Quartier — inJsscrl's Wohnung.
„Jsscrl, Elkcle, Breindl," schrie er auf, „ich bin der glücklichste Mensch auf GottesErdboden, ich bin nicht verrückt, ich habe gcwouueu; viel, viel, da hast Du, Breindl."