Ausgabe 
29 (4.7.1869) 27
 
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Nro. 27.

4. Juli 1869.

Gleichwie der flammende Tag unsern Blicken die unzähligen Himmelslichtcr raubt, sowerden durch das heitere Glück unzählige Gedanken von hohem Werth uad von göttlichemLichte für den Menschen ausgelöscht. Aoung.

Ein verfehltes Leben.

Erzählung von Ludwig Habicht .

(Nachdruck rttLoten.)

Wenn wir ein altes runzelvolles Gesicht sehen, dann denken wir unwillkürlich, wa6muß das Alles erlebt und erfahren haben, ehe das Schicksal alle diese vielen Linien aufdie Stirn und das Antlitz zog, sie vertiefte und verdickte und zu einem völligen Sorgen-spiegel verkörperte? Was für Sorge, Noth und Kummer muß einen stillen Einzug indas klopfende Herz halten, ehe es auf dem so blühenden, frischen Antlitz alle die Eindrückesympathetisch wiedergibt, die sich dort festgraben und dort ihre stumme und doch beredteGeschichte schreiben? Wir können auf manchem sorgcndurchfurchten Antlitz zurücklesendie ganze Vergangenheit, das ganze schicksalsschwere Dasein, das nichts als eine Kettevon Täuschungen, bitteren Erfahrungen und dunklen Schmerzen war, oft aber genügtauch schon ein einziger fürchterlicher Schlag des Schicksals, um diese düstere Chiffreschrifthervorzurufen. Und auf all' diesen Gesichtern ruhte einst der Glanz der Jugend, vielleichtder Schönheit, und jetzt liegt das Alles vor uns so tief verschleiert, daß kaum unserschärfster Blick noch eine Spur davon entdeckt.

Ich kannte ein solches altes, runzelbedecktes Gesicht, das einer alten Jungfer.Sie lebte in tiefster Zurückgezogenheit von der Welt fast dürftig, obwohl sie ein bedeu-tendes^ Vermögen besitzen sollte. Aber man suchte sie auch nicht auf, man scheute vordem alten Frauenzimmer zurück, die immer in schwarzen Kleidern über die Straßeschritt und so finster aussah, als trage sie eine rechte altjüngferlicheVerdrossen- undVergessenheit" mit sich herum. Ihre Mäßigkeit legte man bald als Geiz, ihren häufigenKirchenbesuch als Frömmelei aus; man hatte sie nirgends gern. Niemand sprach einfreundlich entschuldigendes Wort von ihr, die so hartherzig sei, daß sie jeden Bettlervon der Thür weise, sich von ihrer alten Dienstmagd von jedem Unglück gewissenhaftberichten lasse, um sich darüber freuen zu können. So sagten wenigstens die Leute.

Sie hatte nicht, wie andere alte Jungfern, eine Katze, einen Huvd oder einenKanarienvogel zu ihrem Umgänge, ihrer Unterhaltung, sondern etwas weit Absonder-licheres, das sie vollends in Verruf bringen mußte, eine Eule, für die sie die zärt-lichste Sorge trug, die sie selbst fütterte und mit der sie sich oft, wie mit einem Menschen,unterhalten sollte. Daß dieser sonderbare Geschmack sie in den Augen der Menschennoch verhaßter machte, verstand sich in der kleinen, klatschsüchtigen Stadt von selbst;man nannte sie nach ihrer Gesellschafterindie Eule," und erschöpfte sich in Gehässigkeitgegen die Aermste, suchte sie absichtlich zu beleidigen und zu kränken, und je ruhiger siedie Pöbclhaftigkeit hinnahm, desto mehr häuften sich dieselben. Ich hatte die alte Frauschon mehrfach gesehen, von ihren Wunderlichkeiten genug gehört, als daß ich nicht einInteresse für sie hätte fassen sollen, und besonders war mir das Halten einer Eule dochetwas gar Ungewöhnliches, das gewiß mit dem Schicksal dieser alten Frau in Beziehungstand; und das Glück, oder vielmehr das Unglück war mir günstig, hierüber Ausschlußzu erhalten. ^