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Es war an einem Wintcrtage, als ich durch die Straßen schritt, und durch einenZusammenlauf von Menschen aufgehalten, näher trat, um zu sehen, was es gäbe. Dieunglückliche alte Frau lag an der Erde, man umstand sie lachend und spottend, ohnedaß ihr Jemand hülfrcich die Hand gereicht hätte. Ich stieß einige rohe Gaffer beiSeite, Näherte mich der Gefallenen, und sie vermochte wenigstens mit meiner Hülfe auf-zustehen, und auf meinen Arm gestützt, langsam fortzuhinken. Ein Paar Gassenjungenhatten die arme Frau mit ihrem Schlitten rücksichtslos umgefahren, — und anstatt dieBuben zu züchtigen, freute man sich des gelungenen Witzes, — der alten Eule einenSchabernack gespielt zu haben. Ich begleitete sie an ihre Wohnung, wollte ihr einenArzt besorgen, sie lehnte es aber ab und bat mich nur, sie recht bald zu besuchen, ummir danken zu können. Alle ihre einfachen, kurzen Aeußerungen verriethen eine Bildung,wie ich sie unter dieser schrullenhaften Hülle nicht erwartet hatte; und ich ging schon amandern Tage hin, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen.
Man hatte mir die wunderlichsten Geschichten von ihrer Wohnung erzählt! Essollte ein finsterer Malepertus sein, schmutzig und ärmlich, und ich fand das freundlichste,behaglichste Stübchen. Zwar waren die Meubles alle einfach, nirgends ein Prunk, eineZier, wie sie Frauen lieben; aber dennoch konnten diese ärmlich-einfachen Räume an-muthen, weil Alles sauber und geschickt geordnet an seinem Platze stand, und die Sonnedurch helle Scheiben ihre wärmsten Strahlen in das Zimmer schickte.
Die arme Frau hatte geglaubt, daß ihr Unfall weiter keine nachtheiligen Folgenhaben würde, sie lag aber doch bei meinem Besuche zu Bett; und wie sie dort mit demabgemagerten, blassen Gesicht in dem blüthcnweißen Kiffen ruhetc, kam sie mir durchausnicht eulenhaft vor, und ich begriff nicht, wie sich anf dies wahrhaft schöne Matronen.Antlitz ein solcher Haß werfen konnte. Freilich war sie heute von der großen, schwarzenHaube befreit, die sie so schrecklich alt machte; sie trug ein sauberes Nachthäubchen, daseine hohe, wenn auch tief durchfurchte Stirn sehen ließ. Diese dunklen, jetzt so mattenAugen, mußten einst geglänzt und um diese fein geschnittenen Lippen die Grazien gespielthaben. Die Nase war noch jetzt untadelhaft, nur um den eingefallenen Mund lag einZug, mehr des Grames als des Schmerzes. Das jetzt etwas zu sehr vorstehende Kinnmußte dem Gesichte einst in seinen Blüthcntagen einen entschiedenen, vielleicht mit Weltund Leben spielenden Ausdruck gegeben haben. Nach Allem also war sie gewiß einsteine Schönheit gewesen, und heute — ein verachtetes, und von allem Volk gering ge-schätztes Weib. Sie klagte über nichts, nur über eine allgemeine Schwäche, die sie amAusstehen hinderte, und war nur darüber unglücklich, morgen noch nicht das Zimmerverlassen zu können, da sie einige nothwendige Einkäufe zu machen habe, aber sich allznschwach fühle, um dies wagen zu können.
Meine vorgefaßte gute Meinung über die Alte schwand bei ihren peinlichen Klagen,daß sie an das Zimmer gefesselt sei, da diese Sorge jedenfalls mir aus ihrem Geizeentsprang; ich sagte daher auch etwas trocken, „daß es nichts helfe, und sie sich schoneine Frau dafür würde miethen müssen," weil ich gehört hatte, daß sie aus Geiz nochihr Dienstmädchen entlassen habe, und sich nur von einer Frau die Aufwartung machenließ. Sie schien meinen Vorwurf zu fühlen; ihr Auge umflorte sich für einen Augen-blick, dennoch blieb sie mir jede Antwort schuldig, was mich noch mehr gegen ihr kleinlichgeiziges Wesen aufbrachte.
Plötzlich begann sie: „Ach, mein Herr, ich habe zu Ihnen ein eigenes Vertrauengefaßt, und wage deßhalb eine große Bitte.
Gewiß sollte ich der Alten ihre Einkäufe besorgen, da kostete es nichts; nein — ichdanke, Madlene! Und wirklich neugierig wartete ich auf den Inhalt der Bitte meinerKranken, die mir schon merklich eulenhafter vorkam.
„Wollten.Sie vielleicht den Schrank dort am Fenster aufmachen?" >— begann siewieder mit schwacher, zitternder Stimme; „man muß rechts herumdrehen, — es ist ein