Ausgabe 
29 (4.7.1869) 27
 
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eigenthümliches Schloß, dort im untersten Schabe aber ich bemühe sie gewiß zu sehr?"Ich wollte doch sehen, wie weit ihre Unverschämtheit gehen würde, und schickte mich an,ihrer Weisung zu folgen.Es sind gerade 12 Thaler, die darin liegen." Nichtig,>meine liebenswürdige Eule, wo ist der Korb, dachte ich ingrimmig, damit ich dir dieRüben und den Salat nach Hause schleppe, oder wahrscheinlich nur Kartoffeln. Unddiese Frau war einmal schön gewesen, und nur der brennende Geiz hatte Alles bis aufdie Knochen aufgezehrt! Welche Metamorphosen! Der Pflanzenkeim wird Knospe,Blüthe und endlich Frucht, und immer neue wunderbare Schönheit entfaltet sich indiesen leisen, harmonischen Uebergängen; nur das Mcnschenherz kann ohne Spur seinerfrüheren Schönheit, seiner Gedankenfülle in den Staub zerfallen. Armes altes Weib!

Nein, ich wage es doch nicht," begann jetzt wieder die Eule,ich werde über-morgen schon wieder ausgehen können, und auf einen Tag kommt es am Ende nichtan, obwohl"

O, ich bin jetzt einmal im Zuge," entgegnete ich mit Ironie,ich hab' ei«Talent zum Einkaufen und werde Ihnen schon Ihre Viktualien zur Zufriedenheitbringen."

Die bisher so ernste Frau brach unwillkührlich in ein heiteres Lachen aus, das sieaber plötzlich abbrach; und mir die Hand reichend, sagte sie:Verzeihen Sie mir,Sie hatten Recht, ich bin ja die alte, geizige Eule; aber eS war doch etwas Anderes,mit dem ich Sie belästigen wollte."

Ich habe dort in der Vorstadt an mehrere Leute etwas zu zahlen, und möchtegern, daß dies heute geschehe; es ist eine Grille von mir, aber es würde mir peinlichfein, wenn ich es unterlassen müßte."

Ich erbot mich wiederholt und jetzt freundlicher dazu, und sie nannte mir dieNamen der Empfänger, die ich mir aufschrieb. Dem Schuhmacher Lindner 5 Thaler,dem Böttcher Weinhold, dem Schneider Borisch, dem Schlaffer Wunderlich jedem zweiThaler, dem Tischler Blühm einen Thaler, so, das waren die zwölf Thaler.Vielleicht hatte die Alte dort Bestellungen gemacht, und ich versprach, die Auszahlungauf das Getrculichste zu besorgen und ihr die Quittungen beizubringen.

Das ist nicht nöthig," entgegnete sie eifrig.

Aber wie können Sie denn wissen, daß ich das Geld abgeliefert?"

Sie blickte mich vorwurfsvoll an, und sagte ganz einfach:Nicht wahr, Sie er-füllen mir die Bitte?"

Und so fühlte ich wohl, daß, obgleich diese Person schrecklich geizig sein muffe, siedoch nicht mißtrauisch war, wie man sie verschrieen hatte, und wenigstens in dem letzten

Punkte hatte auch ich ihr Unrecht gethan, aber selbst in dem ersteren sollte ich empfindlich

beschämt werden. Welch' überraschende Aufschlüsse wurden mir zu Theil!

Auf meiner Wanderung fand ich zuerst den Schuhmacher Lindner. Er lag krankzu Bett, und als ich ihm seine fünf Thaler aufzählte und ihm sagte, daß die alte Damekrank sei, da rang er jammernd die Hände und klagte:O Gott, laß sie nicht sterben,was sollen wir Aermstcn anfangen!" Er hatte bisher jeden Freitag nur zwei Thalererhalten, seit jenem Erkranken aber fünf Thaler, und bei all' den'Uebrigen, an die ichZahlung zu leisten hatte, hörte ich dasselbe.

Man verehrte die Frau wie eine Heilige, und doch durften diese Armen nicht»davon verlauten lassen, sie hatte es streng verboten und bei dem leisesten Wort mit ihremWegbleiben gedroht; aber was mich noch mehr in Erstaunen setzte, war, daß es wirklichArme waren, die sich die Alte ausgesucht hatte, Arme, die trotz ihres Fleißes unter

einem Joche schmachteten, das ohne der Hülfe dieser Edclmüthigcn sie erdrückt haben

würde. Ich war von dem Erfahrenen ganz aufgeregt, und konnte den andern Tag nichterwarten, an dem ich die alte Frau wieder besuchen woll». Welch' räthsclhaftc, sonder-bare Erscheinung, in unsern Tagen, wo man ohne Geräusch nicht wohlzuthun vermag k