Ausgabe 
29 (4.7.1869) 27
 
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Warum ertrug diese Frau geduldig den Haß und die Verachtung ihrer Nachbarn, ließsich ruhig als geizig und boshaft auSschclten? Warum führte sie ein so karges Leben,während sie so reiche und regelmäßige Spenden austheilte? Das waren Fragen, diemich bis zur Stunde meines Besuches auf das Lebhafteste beschäftigten.

Ich fand die alte Dame heute schon in ihrem Lehnstuhl sitzend, obwohl sie nochimmer über große Schwäche klagte. Mit welch' andern Augen betrachtete ich sie heute;«icht mehr mit denen des physiognomischen Forschers, sondern mit denen der Verehrung.Die letzten, finstern, menschenscheuen Züge schienen sich vor mir aufzuhellen, und nocheine andere Schönheit, als die gestern beobachtete, glänzte mir aus dem alten runzlichenGesicht entgegen, eine Schönheit, die eben nicht im Antlitz, sondern in der Seele liegt.Ja, sie war schön, eine ächte Matrone, jetzt gewahrte ich es erst, in ihrem Auge ruhteLicht und Frieden, über ihrem ganzen Wesen lag ein Hauch tiefen Seclenschmerzcs aus-gebreitet, der verschönt und durchgeistigt. Wie hatte ich dies edle Gesicht nicht schonlängst schön finden und in das allgemeine Urtheil einstimmen können:Die häßlichealte Eule!"

(Fortsetzung folgt.)

Der Habich «nd der Hättich als Geschäftsfreunde

Drittes Kapitel.

(Schluß)

Nun muß sich merkwürdiger Weise treffen daß der Jude sogleich darauf abgerufeuwird, denn auf dem Markt ist zwischen dem Sternwirth und dem Weisenheimer Wasser-hannes ein Handel um ein paar dreijährige Stiere losgegangen, und wo in aller Weltkann denn so ein Handel ohne Juden fertig werden. So liegen also die zwei anderenParteien noch eine Weile im Streit, es dauert aber nicht lang, so ist im Kabinett Niemandsitzen geblieben als der Verkäufer und sein Währmann. Dem letzteren nämlich ist derHandel in den Kopf gestiegen, er bringt ihn nimmer heraus. Der Habich, denkt er, istzwar ein Narr gewesen sein Lebtag und die Leute sagen: einem Narren und einem Betrun-kenen weicht ein Fuder Heu aus. Aber auf seinen Vortheil hat er sich nie verstanden,er hätte sonst anders hausgehalten, so wird eben auch dieser Verkauf ein Stück Narrheitsein; am Ende ist's auch das beste wenn er seine Güter losschlägt, unter seinen Händenkönnen sie ja doch nicht bleiben; unser einem aber, der sich's Tag für Tag blutsauer wer-den läßt, ist'S zu gönnen wenn er einmal einen guten Fischzug thut. So ein Hät-tich der nimmer genug kriegen kann, weiß eben auch auf's Gewissen ein Pflaster und dasneunte Gebot aus dem Katechismus zu streichen: du sollst nicht begehren deines NächstenHaus. Freilich der Jude hat gewarnt, und ein Jude kann rechnen! Aber, wer weiß, woraufder Jude hinauswill, ob er den Hansel nicht anderswo zu seinem Vortheil von neuemlosgchen lassen will? Wenn der Kaufpreis auch auf fünfhundert Gulden hinanliefeaber es ist ja keine Nede von fünfhundert! - so viel sind die kleineren Wiesen mit denKrautbcetcn werth, und nun noch das Rittergut als Dreingabe, soll da der Hättich nichtzugreifen? Schwenselens, denkt er also Summa Snmmarum und es lacht ihm das Herzim Leib dabei, wenn die Sach' nur schon im Reinen wär', denn so 'ne Gelegenheitkommt nicht wieder in hundert Jahren!

Freilich noch einmal kommt er in Nöthen. Der Habich nämlich greift auf einmal nachseinem Stecken, hat noch viel Geschäfte bis auf den Abend und will weiter. Wie nunder Hättich denkt:Entweder oder, jetzt oder nie!" Und fragt den Habich, ob's ihmdenn wirklich ein Ernst mit dem Verkauf und den Verkaufs-Bcdingnissen ist, und derHabich antwortet: Ja freilich wär's ihm ernst und die Bekanntmachung würde bald imWeisenstadter Anzeiger" stehen; da muß doch der Hättich noch fragen, wie's denn