Ausgabe 
29 (11.7.1869) 28
 
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sind eitle Köpfchen. Ich schaukelte mich auf den gefährlichen Wellen der Gefallsucht mileinem Uebcrmuth, der seiner Strafe nicht entgehen konnte, und sie traf mich hart undfürchterlich." Die alte Frau schwieg und starrte lange vor sich hin. Endlich erhob sieden thränenfeuchten Blick.Wie es mich angrinst, das häßliche alte Thier," begann siewieder, beinahe furchtsam auf die Eule zeigend, die wieder ruhig mit geschlossenen Augenin ihrem Winkel brütete.Ist es doch, als kenne sie meine ganze Schuld, meine Eitel-keit, mein ganzes vergangenes Leben, und doch ist es längst nicht mehr dasselbe Thier,das damals wie ein düsterer Nachtvogel in mein lichtes Sonnenlcben flatterte . . .Aber zum ewigen Mahnruf, der jede Eitelkeit in mir erstickt, der mich zum Besserenanspornt, halte ich mir dieses Thier und mit seinem Gekrächz dringt es schneidender inmein Herz, als die Stimme des härtesten Bußprcdigers. Doch, ich will Ihnen ja vonmeiner Zagend erzählen," fuhr sie mit bitterem Lächeln fort:Lange hatte ich, nachächter Kokcltenart, mein Herz vor jeder ersten Neigung zu bewahren gewußt, ich wolltefroh und glücklich dahin flattern durch das Leben, wollte die junge Männerwelt um einenBlick meiner Augen, um das kleinste Zeichen meiner Gunst wetteifern sehen, und dazubrauchte ich vor Allem ein freies ungebundenes Herz.

Unter der Menge meiner Anbeter nicht wahr? wie lächerlich klingt dies Wortin dem Munde einer alten Jungfrau," unterbrach sie sich selbst,und doch ist's wahrlichnicht Eitelkeit, die mich von meinen Anbetern sprechen läßt, sondern ich muß es,unter ihnen befanden sich zwei Brüder, die ganz besonders sich mir zu nähern undmeine Liebe zu erringen suchten. Der ältere, Arthur, war ein blühender, junger Man»,voll Geist und Leben. Wie blitzten seine Augen, wie lächelte sein Mund! Ich sah ihn

und zum ersten Male fühlte ich jene elektrische Strömung durch mein Herz zittern, die

uns sagt: Ihm nur allein gehörst du zu eigen. Ich liebte ihn und doch wollte es

mein eitles, thörichtes Herz nicht gestehen, und auch mit ihm sein Spiel treiben. Der

jüngere Bruder, Wolfgang, war ganz das Gegentheil von Arthur; blond, weich uud-Iräumerisch, wagte er kaum, sich mir zu nähern, und mich auch nur von fern anzubeten.

Ich fühlte nichts Mahlverwandtes zwischen mir und Wolfgang, mein Herz hattelängst für den Bruder entschieden, und doch trieb es mich dämonisch, gerade ihn, denstillen, träumerischen Menschen aufzumuntern; ich wollte nur, wie ich mir selbstschmeichelnd vorredete, ihn aus seinen Träumereien und Idealen herausreißen und ausden Bodcu der Wirklichkeit versetzen, und ich Elende ..."

Die Erzählerin hielt, überwältigt von der Macht der Erinnerungen, erschöpft innc,und fuhr erst nach langer, schmerzlicher Pause fort:

Doch ich greife der Zeit vor, und ermüde Sie recht mit den Schilderungen meinesTreibens, das bei Koketten immer ein und dasselbe bleibt! Ich hatte mich verrechne!,ich kannte nicht das stolze Herz Arthurs, des älteren Bruders, der, anstatt von meinerKoketterie erwärmt zu werden, sich sichtlich von mir entfernte; und doch liebte er mich mLder ganzen Gluth seines jungen, feurigen Herzens, das hatte ich wohl erkannt undherausgefühlt, denn das Auge der Liebe sieht scharf, es sieht mit dem Herzen! Anstattdadurch gewarnt zu werden, wollte ich die Saiten noch höher spannen; mein Gott!ich trieb mit dem armen Wolfgang ein schändliches, frevles Spiel. Er glaubte sich vo»mir geliebt, schien nur von einem Lächeln meines Mundes zu leben, und jetzt wagtrich schon nicht mehr, ihn aus seinen süßen Träumen gewaltsam aufzurütteln; ich wollteder Zeit überlassen, das Band zwischen uns allmählig zu lösen und aufzuheben."

Ich hatte von meinem Vater, der schon als Kind allen meinen Launen den Zügelschießen ließ, reiten gelernt, und mein größtes Vergnügen blieb es, mit einer glänzende«Cavalcade zu Pferde in der Umgegend umher zu schwärmen.

Eine Frau zu Pferde fühlt am besten, welchen Zauber sie auszuüben vermag!Macht es den Mann stolz und kühn, dahin zu fliegen auf einem guten Noß, so wir!»das Weib vollends übermüthig und tausend tolle Gedanken schießen ihm durch den Kops.