Ausgabe 
29 (11.7.1869) 28
 
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Ich fand an meinen mich verehrenden Gefährten stets willige Vollstrecker meiner wildestenLaunen und übermüthigsten Wünsche. Kein Baum war ihnen zu hoch, wenn cS galt,mir einen Vogel zu erhäschen, kein Fels unersteigbar, mir eine Blume zu verehren.

Wir waren eines Tages weiter als gewöhnlich in die Hügelreiche Landschaft hinaus-gejagt, und streckten uns dann ermüdet in das weiche Moos unter hohen Eichen, durchdie das Sonnenlicht in tausend goldenen Punkten hindurchzitterte. Es war ein herrlicher

Tag, ein wunderbares Blau ruhte glockenhell über der Erdet O, ich fühle noch den

ganzen Zauber dieser weichen, elastischen Luft, die sich schmeichelnd um meine Stirn legte,den Zauber dieses lauschigen Plätzchens, dieser Waldeinsamkeit, der ein reiches Entzückenin unsere Seele goß! . . . Am Waldessäume zog sich eine Hügelkette hin, die sich unsgegenüber zu einem höhern Felsen gipfelte, bis zu besten Fuße die Eichen ihren dunklenSchatten warfen. Unsere Pferde grasten in hübschen Gruppen, wir dünkten uns aus

der Welt entflohene Ritter, die wunderliche Abenteuer zu bestehen hätten. Aber die stille,

große Natur konnte nicht lange zu unsern, das Geräusch des Stadtlcbens gewohntenHerzen sprechen. Wir vertrieben uns die Zeit mit Scherzen, und schwärmten von denbunten, phantastischen Tagen des Minnedicnstcs; bestand doch auch meine Umgebung an-fahrenden Rittern, die sich dem Dienste einer Dame geweiht hatten. Da gewahrte ichplötzlich in einer Fclsenspaltc ein abscheulich häßliches Thier; ich zeigte hin, und manrief von allen Seiten: Eine Eule, eine junge Eule! Ach, die möcht' ich haben, daswäre ja ganz etwas Besonderes, und mich im Kreise umsehend, frug ich lachend, fort-getrieben von dem eben gepflogenen Gespräch: Wer wagt es, NittcrSmann oder Knapp?Was wäre unser Lohn? entgcgnete man scherzend.

Den Lohn bestimme ich später, er soll ein königlicher sein! Ein Paar meinerBegleiter sprangen sogleich auf, und suchten auf einem Umwege die Höhe des Felsens zuerreichen, aber Wolfgang hatte mein letztes Wort kaum gehört, als er sich auch schon ingewohnter Schwärmerei zur direkten Erklimmung des steilen Felsens anschickte, um denAndern zuvorzukommen. Sein Bruder warf sich ihm abwehrend entgegen: Um Goltes-willen, laß die Tollheit! Dach Wolfgang stieß ihn unsanft zurück und rief erregt: Ah,du willst nur mein süßes Glück nicht gönnen!

Verletzt davon zog sich Arthur zurück und warf sich verstimmt und grollend abseitsvon uns unter einen Baum, während Wolfgang, allen klebrigen vorancilend, mit Geschickund Eifer den Felsen erklomm, das junge Thier, trotz seines Widerstandes, aus seinerSpalte zog, und es in sein Taschentuch hüllend, sich nun anschickte, mit ihm langsamherabzuklcttern.

Ich jubelte schon in meiner übermüthigen Laune dem glücklichen Fange entgegen,da hörte ... ich einen wilden Schmerzcnsschrei und, o Entsetzen, erblickte Wolfgangblutend am Boden. Er war durch das Halten des Thieres behindert, ausgegütten undzum Unglück auf einen scharfen Stein gefallen. Er war todt! ..."

Die Hände der Erzählerin zitterten, ihre Lippen bebten, eine Thräne nach derandern rollte über ihre welke Wange, und sie versank in ein tiefes Hinbrüten. Ichblickte erschüttert auf die alte Frau, der die finsterste Stunde ihres Lebens wieder sodeutlich entsetzlich an der Seele vorüberzog, daß eS ihr daS ganze Herz zerschnitt. Ichbat sie tief bewegt, ihre Erzählung abzubrechen; sie aber achtete nicht auf mich, undwiederholte mit lautloser, zitternder Stimme:Er war todt." Dann fuhr sie leisefort, daß ich meinen Stuhl dem ihren näher rücken mußte, um sie zu hören:SeinBruder hatte ihn wanken sehen, von ihm kam der wilde Schmerzcnsschrei; er war aufWolfgang zugestürzt und kniete bereits, als wir vor Entsetzen hineilten, an seiner Leiche.Es wagte Niemand ein Wort zu sprechen, und wir umstanden blaß und zum Tode er-schrocken die Gruppe.

Aber es war ein fürchterlicher Anblick! Arthur hatte sich über die Leiche seine»Bruders gebeugt, und wischte ihm noch immer das Blnt von der Stirn, das dunkel