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aus seiner tiefen Wunde strömte. Er schien uns nicht zu beachten im wilden Schmerz,um seinen Bruder ausgelöst, — den ich in den Tod geschickt und dem zu nahen ichnicht einmal wagte.
„Der Todte hielt das Tuch noch fest in seiner linken Hand. Plötzlich begann dasThier darin sich zu bewegen und zu flattern. Arthur erwachte davon aus seinen Träu-men, seinem Hinbrüten, sah mich. die Urheberin dieses Unglücks, händeringend stehen, —und es zuckte wild und dämonisch in ihm auf. Er zog das Thier aus dem Tuche, —schleuderte es mir zu Füßen und rief mit wuthersticktcr Stimme: „Elende, hier hastdu deinen Lohn! Mag dich dies Thier gemahnen, ewig, unauslöschlich an deine Schuld,da du zwei Herzen gemordet. Ich fluche dir und deinem schnöden Treiben; ich hassedich eben so tief, als ich dich einst geliebt; hinweg von dieser Leiche meines Bruders,—die du entweihest, fort, Mörderin!" — Betäubt, keines Wortes mächtig, schritt ich hin-weg. Das Thier flatterte flügclgcbrochen zu meinen Füßen, ich hob es mechanisch auf.Auch in mir war etwas, ja Alles gebrochen; ich wagte nicht einmal mein Pferd zubesteigen, und ging allein zu Fuß zurück. Umstrahlt von Glück, vom Sonnengold derFreude, auf hohem Roß mit flatterndem Schleier, bewundert und gefeiert von Geführten
war ich hinausgcschweist und — allein, arm und elend kehrte ich heim; — ein einziger
Frosthauch hatte die Blüthcnwelt meines Lebens abgestreift, und daS so frische, rothe Blutwagte kaum noch trüb und kalt durch das Herz zu schleichen. Noch immer blauete der-selbe lichtglänzcnde Himmel über mir, aber mein erstorbencs Auge fand ihn nicht mehr.Dieser einzige Gang halte mich zur Matrone gemacht, hatte ich doch mit einem SchlageAlles verloren. O mein Gott, mein Gott, und jetzt, da er mir geflucht, mich mit Abscheuvon sich gestoßen, fühlte ich erst, wie heiß und unergründlich ich ihn geliebt. — Ichzog auS der großen Stadt hinweg und hierher ..."
„Um hier ihre Schuld dadurch abzubüßen, daß sie geflissentlich den Haß und die
Bosheit der Menschen auf sich herabziehen; das nenne ich ein Märtyrerthum!" —
bemerkte ich.
„Nein, nein," — cntgcgnetc sie, „eS ist ein Fluch; es fliehet, es haßt mich Alles,was mit mir in Berührung kommt, nur das Thier dort liebt mich, und doch ist es eineGeißel, die mich ewig peitscht. Und gestern war Freitag, Wolfgangß Todestag, darumbat ich Sie um diese Liebespflicht, weil ich selbst mein Gelöbniß nicht erfüllen konnte."
Ich wollte die arme Frau trösten, sie beruhigen, ihr sagen, daß eine solche that-kräftige Reue, ein so stilles, schönes Wohlthun schon längst die Schuld gesühnt habe;sie lächelte bitter und reichte mir schweigend, wie zum Abschiede, die Hand, und ich ent-fernte mich tiefbewegt. DaS witde, häßliche Geschrei folgte mir nach.
Acht Tage darauf trug man die arme Frau hinaus zu ihrer letzten Ruhestatt. —Sie halte ihr ganzes Vermögen einem Hospital vermacht. „Die Eule ist endlich todt,"sagten lachend die Leute. Nur Arme folgten ihrem Sarge und weinten ihrer heimlichenWohlthäterin einige Thränen nach. Sie hat jetzt Frieden — die arme Eule, und ihren„thörichten Jugendstreich" durch ein „verfehltes Leben" endlich gebüßt. Sei ihr dieErde leicht!
Zur Geschichte der Steuern.
Schon 1702 begegnen wir in Preußen der Kopfsteuer. Kein Stand war davonausgeschlossen; selbst der Hof zahlte, wie auch heutzutage in England noch geschieht: derKönig jährlich 4000 Thlr., die Königen 2000, der Kronprinz 1000, die königliche«Brüdcr, je nach dem Grade, wie sie dem Throne am nächsten standen, 600 Thlr., LOSThlr., 300 Thlr. Der gcsammte Militärstaud vom General-Fcldmarschall bis zumStabs - Offizier mußte — wie grell im Gegensatze zu unsern heutigen Verhältnissen l«inen ganzen Monatssold entrichten. Bei weitem ant meisten kam aber dennoch, wie da-