Ausgabe 
29 (11.7.1869) 28
 
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Eine katholische Schulseene

rührendster und ergreifendster Art erzählt das Straubingcr Tagblatt aus Agums inTyrol. Der Schullehrer in jenem tyrolischen Pfarrorte, Paul Nogglen, eben sotüchtig wie eifrig und von allen Schulkindern mit unbegränzter Anhänglichkeit geliebt, sankin eine gefährliche Lungenentzündung. Nun begannen die guten Kinder um die Gene-sung ihres unersetzbaren Lehres förmlich gegen den lieben Herrgott Sturm zulaufen. Schon am ersten Tag, an welchem sie Vakanz hatten, versammelten sie sichaus freiem Antriebe im Schulziminer und beteten für ihren kranken Lehrer. Nicht genug,sie zogen die ganze Pfarrgemeinde in ihr kindliches Anliegen hinein, indem sie für ihrenheißgeliebten Lehrer dasallgemeine Gcbel" unter zwei sonntägigen Gottesdiensten abhal-ten ließen. Mit erfinderischer Liebe ordneten sie die Messe .,pro inkirmis" (für dieKranken) an, um dem gütigen Gott, den Herrn des Lebens, die Genesung ihres Lehrersabzuringen. Eigene Almosen legten sie aus ihren Sparbüchsen in die Opfcrstöcke derPfarrei, und zuletzt drangen die liebenden himmclstttrmenden Schulkinder sogar in denKooperator, mit ihnen den cinstündigen Krcuzgang zur MuttcrgvtteS von Tschengglszu machen, bei welcher sie sich gemeinsam den gntcn Lehrer ausbatcn. Das tyrolischePfarrvolk beobachtete mit Rührung und Freude die Schulkinder;diese Gebete so vielerunschuldigen Kinder muß ja Gott doch erhören!" hieß es allgemein. Und wirklich: PaujNogglcr, der brave Lehrer, ist gerettet. Aber keine Feder beschreibt die innige Freudeder Schulkinder und des Lehrers bei der ersten Zusammenkunft in der Schule,die vor ein paar Monaten erfolgt ist.

Das Alles thaten die tyrolischen Schulkinder ganz aus eigenem Antriebe. Nunmüßte einer schon sehr frostig geworden sein, wenn ihn solche Züge aus katholischen Volks-schulen nicht innerlich rührten und befriedigten. Aber vermöchte ein Mann aus derMünzstätte derbayerischen Lehrerzeitung", in welchem die religiöse Wärmeerloschen ist, eine so ächte, tiefe, cngelgleiche Schulkindcrliebc zu entflammen? Dieseschöne Blume sproßt nur aus christlichem Boden.

Ueber die Namie-Pflanze.

* Ueber die Namie-Pflanze wird aus New-Iork Folgendes geschrieben:Diese Pflanzewurde zuerst im Jahre 1844 von der Insel Java, ihrer Hcimath, nach Europa gebracht,erhielt den botanischen Namenkloelimviiu t6nuei88ima" und erregte in Fabrikkreisendurch die Schönheit und große Festigkeit der Faser bedeutende Aufmerksammkeit. Mancrmuthigte zur Ramie-Cultur in Ostmdien, und Quantitäten von dieser Pflanzenfasertreffen bereits jährlich in Europa ein, wo sie zu den feinsten Stoffen verarbeitet werden, dieLeinen in jeder Beziehung übertreffen und au Glanz sich sogar mit Seidenstoffen messenkönnen. Seitdem die Ramie im März 1867 nach den Ver: Staaten introducirt wurde,wandten Europäische Fabrikanten derselben erhöhte Aufmerksammkeit zu und dürfte dieRamie-Cultur namentlich für die Südstaaten von großem Vortheil sein, jedenfalls abergünstigere und sichere Resultate ergeben als die Cultur der Baumwolle, da sie denWitterungsciuflüsscn nicht wie jene ausgesczt, leichter und billiger anzubauen, und endlicheine perenuircnde Pflanze ist, die mindestens dreimal im Jahre geredtet i68p: geschnittenwerden kann. Das Rohprodukt gilt jetzt oireu 10 Cents, die zubereitete Faser, welchedurch die Zubereitung ungefähr die Hälfte an Gewicht verliert, oa 65 Cents Gold purPfund. Sandiger Boden ist am geeignetsten für die Cultur, und sollte derselbe zu einergleichmäßigen Tiefe von 10 Zoll durch Pflügen wohl gelockert werden; die Wurzeln sindin einer Entfernung von je 6 Fuß zu pflanzen, die Ausläufer, wenn sie eine Längevon 3 bis 4 Fuß erreicht, ohne sie von der Stammwürze! gänzlich zu trennen, mit Erdezu bedecken, bis dieselben ebenfalls Wurzel geschlagen haben; erst dann sind dieselbenherauszunehmen und von neuem zu stecken. Mit Ausnahme des Jätens vou Unkraut