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Rechnung von Anfang an noch einmal durch, und läßt den Hättich nachrechnen, wozuder freilich „römische Zahlen" braucht. Und richtig, der Schulmeister kommt an einenFehler. Nur bleiben zum Unglück die 17,476 Gulden wie eine Mauer stehen, und —statt fünf Kreuzer wcrden's fünfzehn, so daß der Hättich einen Zorn auf die Kreuzerbekommt und sagt, nun wollt' er erst, daß es sechzehn wären, und seinetwegen könntenalle Kreuzer die Fettsucht oder die Schwindsucht kriegen.
Nun komme ich mit meiner Erzählung freilich in Verlegenheit. Ich soll beschreiben,wie's dem Hättich zu Muth gewesen, und ich kann's doch nicht. Sein Entsetzen soll ichmalen, und es fehlen mir doch die Farben dazu. Also muß ich mit einem VergleichRath schaffen. Mancher Patient denkt, und mancher Doctor leider auch: „viel hilft viel."Wenn also Einer, auf weise Anordnung seines Doctors, um Magen und Eingeweideauözukuriren, — den Absud von zehn Loth Senncsblättern tränke, vermischt mit einemhalben Schoppen Rhabarbara-Tinktur, damit das aber desto gründlicher wirkt, noch dieAuflösung von einem Viertelpfund Glaubersalz nachgösse; und wenn nun dieses Tränkleinunter den Wcstcnknöpfcn zu rumoren anfinge, so daß Lunge und Leber, — Herz undMagen in Aufruhr kommen, alle Lebensgeister matt werden, der Patient nicht weiß, ober sich oder den Doktor segnen soll, — — so ungefähr, freilich eben nur „ungefähr,"so ist's über dem-heillosen Rechen-Exempel dem Hättich zu Muth geworden. Die Me-dicin hat in ihm grausam zu wirken angefangen, Seele und Geist, Sinn und Verstandwollen ihm aus dem Leim gehen, es nebelt ihm vor den Augen.
Einer, der solch' eine Pferdskur angetreten, nimmt nun wohl etwas Stärkendes: ergreift an ein Ricchfläschchen, oder sucht mit schwarzem Kaffee nachzuhelfen. So nimmtder Hättich seine Zuflucht zuerst auch noch zu einem letzten Trost. Der Schulmeister„muß" sich eben doch in den „Gulden verrechnet" haben, oder — er treibt seinen Spaßmit ihm, weil er weiß, daß er schwach im Rechnen ist. Wie er das aber dem Schul-meister eben sagen will — denn das Unglück reitet schnell — da klopft Jemand draußenan's Fenster, und der Wirthssohn fragt, ob der Herr Schulmeister den Handel zwischendem Habich und Hättich erfahren hätte, im Wirthshaus wäre fast das ganze Dorf bei-sammen, sie hätten nachgerechnet und eine grausanie Summe herausgebracht, d'rum wär'er hergelaufen, um zu fragen, ob sie richtig gerechnet hätten, da auf dem Käsepapierhätt es Einer aufgeschrieben. Nun kommt es also noch darauf an, ob die beiderseitigen.Rechnungen zusammenstimmen. Und wieder steckt irgendwo ein RechnungSfchlcr, denndie im Wirthshaus haben wirklich statt fünfzehn „sechzehn Kreuzer" herausgebracht. —Leider stehen auch auf dem Käscpapicr geschrieben an Gulden 17,476.
Nun wird's wohl vorbei sein, oder die ganze Welt ist gegen den Hättich in einerVerschwörung begriffen. Gut, daß der Mensch mehr Unglück als Glück ertragen kann.Der Hättich steht also auf, reicht dem Schulmeister die Hand, will ihm Dank sagen undheimgehen. Aber darüber fällt ihm doch das Herz vor die Füße, — und wie ihn derSchullehrcr so erbärmlich ansieht, so kommt ihn das Weinen an, er kann lange nichtaufhören, — so daß auch die Schulmeistcrin und ihre Magd mitweinen müssen. Da istschwer trösten. Der Habich, meint der Schulmeister, wäre wohl nicht der Beste, schonmanchen bösen Streich hätte er ausgeführt, und das Schlimmste wäre, daß der Handelschriftlich abgemacht wäre im Notariat. Aber mit allem Zorn und Acrger, mit Galleund Thränen wäre nichts gebessert. Er gäbe den Rath, einmal den nächsten Morgenabzuwarten, und dann es mit dem Habich in Güte zu versuchen; Jedermann in Dürrenseewürde dabei auf seiner Seite stehen; der Habich bestände doch vielleicht nicht auf demHandel, und wollte er sich nicht einreden lassen, so sei der Herr Landrichter auch nochda, zu solch' ungerechter Sache könne doch die hohe Obrigkeit nicht mithelfen.
Das Alles leuchtet dem Hättich ein. Aber er ist gleichwohl schwer zu beruhigen.Die Zahl 17,476 klingt zu gräulich, für den Hättich wenigstens, der's doch mitsammtseiner langjährigen zweispännigcn Geizerei nicht Tausendweise wegzuschenken hat. Ein