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zu leiden haben wird. Wenn aber ja ein Schlummer auf ihn niedersinken will, — soträumt ihm entweder von feiner Frau und ihren langen Fingernageln, oder vorn Habich,der ihm aus der Extrapost heraus einen Zettel entgegenhält und eine himmellange Zahldarauf, so daß er zusammenfährt und wieder wach wird.
Endlich früh nach dem ersten Hahnenruf ist er dennoch ein wenig eingeschlafen. —Der Frau aber ist es um ihre Hälfte doch leid geworden, hatte er sich in der Angstetwa gar ein Leid angethan, oder wollte er sich eines anthun? So steht sie denn auf,zündet die große Stall-Laterne an, durchsucht das ganze Haus, — ruft überall leise:„Hättich, Hättich!" — sucht im Stall und in der Scheune, und wie sie endlich desSchläfers auf seinem Heulager ansichtig wird, eS ist darüber schon ein wenig hell ge-worden, und sie sieht, wie er so blaß daliegt, und vor Herzensangst sind ihm die Backeneingefallen und die Augen weit in ihre Höhlen zurückgetreten, so geht in ihrer Witterungdoch auch etwas vor: der Ingrimm weicht, das Mitleid will Herr werden, die Sorgeum die böse Zahl tritt in den Hintergrund zurück, die schweren Wolken ihres Gemüthsentladen sich in einer Thränenfluth. Sie fängt so jämmerlich zu weinen an, daß ihrHättich davon erwacht. Ahn rühren die Thränen seiner Frau nun auch wieder, und eshaben dann die Beiden mit einander geweint, wie ein Paar Kinder, die nichts zu essenhaben, erst auf dem Heuboden, daß die Nachbarn davon aufgewacht sind, dann in derStube. Schließlich hat die Frau an ihren sorgenvollen Mann einen „schwarzen Kaffee"gewendet und selber mitgetrunken; von den Wiener Würstchen hat sie eins gegessen under auch eins. Bei ihm hätte sie den Luxus freilich sparen können, denn ihm war's jetztwie Einem, dem nach scharfem Winterwcttcr die Februar-Sonne warm auf den Rückenscheint. Ueber'm Trinken aber ist ihm ein vergessener Bibelspruch eingefallen: „Der Geizist eine Wurzel alles Uebels, welches hat Etliche gelüstet — und sind vom Glauben irregegangen, und machen ihnen selbst viele Schmerzen." (Forts, f.)
Eine Schlau genscene.
Aus dem Tagebuche eines Soldaten, der in dem letzten amerikanischen Kriege demGeneral Sherman auf seinem langen, mühevollen Marsche von den Ufern des Mississippibis Savannah am atlantischen Ocean folgte, bringt der New-Aork Tadlet eine schauder-erregende Erzählung: „Wir hatten," so schreibt der Soldat, „den ganzen Tag in einerbrennenden Sonnenhitze marschirt. Dichte Staubwolken verdunkelten die Atmosphäre understickten uns fast. Doch beseelt durch den Muth unseres tapferen Generals, dessen Geisteinem jeden seiner Soldaten eingehaucht schien, — strengten wir alle Kräfte an, um dieTausende sich uns entgegenstellenden Schwierigkeiten zu überwinden. Man mag sich ausder Beschreibung meiner Person ein Bild meiner Kameraden machen. Mein Käppi warbeschmutzt und zerrissen; mein Bart in Unordnung, so wie mein Haupthaar, das seiteiner Woche nicht mehr gekämmt worden, voll Staub und Ungeziefer. Meine Augenwaren durch die Sonnenstrahlen entzündet und meine Schläfe pochten wie im Fieber. —
Der Tornister, auf dem die Büchse lag, drückte meine Schultern. Das Blut durch-strömte wie Feuer meine Adern, und meine Füße waren von so vielen Meilen Marschzerrissen. — Meine braven Kameraden waren in nicht besseren! Zustande. Manchewaren auf dem langen Marsche in Folge eines Sonnenstiches oder übermenschlicher An-strengung todt hingefallen. Oft durchschritten wir ein Gehölz, und wie freuten wir unS,in seinen Schatten ausruhen zu können, — oder wenigstens erfrischt zu werden. Eben !
hatten wir ein solches wieder verlassen, als wir in eine weite Ebene traten, welche ineiniger Entfernung an einen Sumpf stieß, in dem sich zahlreiche Reptilien badeten undihren häßlichen Kopf aus dem Wasser reckten, um die sie umgebenden Miasmen einzu-athmen. Von Zeit zu Zeit bemerkten wir eine große schwarze Schlange, eine Otter odereine Viper durch das Gestrüppe kriechen. Als wir uns einem fast ausgetrockneten Moraste