Ausgabe 
29 (25.7.1869) 30
 
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Löwe-Calbe und andere," erwiderte Lassalle .Warum stimmen Sie nicht über-haupt mit der konservativen Partei, da, woSie keine Aussicht haben,Ihre Kandidaten durchzusetzen? Unsere Interessen sind ja gemeinschaftliche, Siekämpfen von Ihrem wie von unserem Standpunkte gegen das Bestreben der Bourgeoisie,die Herrschaft an sich zu reißen." Bismarck sprach diese Phrase mit der ungenirten Offen-heit, die ihn vor allen seinen Kollegen auszeichnet. Lassalle lächelte.Augenblicklich, Ex-cellenz," replizirte er,mag es so scheinen, als sei eine Allianz zwischen der Arbeiter-partei und der konservativen Partei möglich, aber wir würden nur eine kurzeStrecke Weges miteinander gehen, um dann um so erbitterter unszu bekämpfen."Ah!" lachte Herr v. Bismarck,Sie meinen, es kommt dabeinur darauf an, wer von uns der Mann ist, der mit dem Teufel Kirschen essen kann!" Damit verließ die Unterhaltung das politische Gebiet. Ein zweiter Besuch Lassallesbei Bismarck fand im Sommer 1864 statt Lassalle hatte mehrere Beschwerden gegenuntere Behörden, die hie uud da den allgemeinen Arbeiterverein maßregelten, anzubringenund liebte cS, derlei Dinge kurz und persönlich abzumachen. Der schleswig-holsteinischeKrieg war soeben siegreich beendet und selbstverständlich wendete sich das Gespräch balddieser brennenden Frage zu. Lassalle befürwortcte die Annexion Schleswig-Holsteins. Bismarck meinte: nur auf dem Wege der Bundesreform ließe die schles-wig-holsteinische Frage sich lösen. Hierauf entwikclte er ausführlich einen Bundesreform-plan, wonach er das allgemeine direkte Wahlrecht Proklamircn und alle Deutschen, ohneUnterschied der Geburt, für wählbar in den Preußischen Landtag erklären wollte. Aehn-lich wie Cavour es seiner Zeit mit dem piemontesischen Parlament gemacht. Lassalle fand dieses Projekt halb und unausführbar, und der Gedanke beschäftigte ihn lebhaft,denn als er einige Monate später in Genf eintraf, wo er seinen Tod finden sollte, erzählteer seinen Freunden jene Unterredung und Bismarcks Plan. Als Lassalle sich bei Herrnv. Bismarck verabschiedete, sagte er ihm: Ich werde die Annexion Schleswig-Holsteins in mein Programm aufnehmen. Herr v. Bismarck lächelte: Viel-leicht, daß dieser Punkt Ihres Programmes inErfüllung geht, wennauch jetzt nicht, doch später. Das war der letzte Besuch Lassalle's bei Herrn vonBismarck , der in Folge dessen sich oft mit größter Anerkennung über Lassalle aussprach.

Ein französischer Edelmann

4- Vor einigen Tagen starb die Zierde des kath. Adels Frankreichs , Baron Croye inseinem 83 Lebensjahr. Schon unter dem ersten Kaiserreiche betrat er die öffentliche Lauf-bahn, auf der er sich schnell zu den höchsten Ehrcnstcllen erschwang. Im Jahre 1830trat er aus politischen Motiven von dieser ab, pnd legte seine Würde als Präfekt vonDigne nieder, weil er aus Achtung und Pietät gegen die vertriebenen Bourbonische Kö-nigsfamilie von Orleans nicht dienen wollte.

Von diesem Augenblick an widmete er sich ganz dem Dienste Gottes und der hilfs-bedürftigen Menschheit. Stunden lang lag er in Betrachtung und Gebet vor den Altärenauf seinen Knien, seine Pfarrkirche hatte keinen fleißigern Besucher, sein Seelsorger keintreueres Pfarrkind, den Hausarmcn und Waisen wo er ein besorgter Vater, verlasseneKranke verpflegte er mit Vorliebe. Pius IX verehrte er mit großer Bewunderung, ihmbrachte er seine Ersparungcn, welche er in seinem Schlosse seit der italienischen Annexioneingeführt hotte, zum Opfer; ja als die Trauerkunde von dem unglücklichen Gefecht vonCastelfidardo zu ihm gedrungen, rief er laut:Wäre ich doch erst 30 Jahre alt, ichwürde die Scharte auswetzen helfen!" In seinem 80 Lebensjahre eilte er noch nach Nom,um die Verwundeten in den Militärspitälcrn zu Pflegen und dem Papste doch einiger-maßen dienstbar zu sein.Auch das schlechte Schild kann einen Streich abhalten "lau-