Ausgabe 
29 (1.8.1869) 31
 
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Wenn sie den Kasten einer Commode öffnete, kroch ein Tausendfuß, der mehrereZoll lang war, heraus, und iu den Schränke» waren Spinnen von der Größe einerWallnuß nichts Ungewöhnliches. Große Eidechse» mit den prächtigsten Farben mußte«des Abends aus dem Schlafzimmer verjagt werden; waren sie auch ungefährlich, s»schreckten sie doch stets die junge Frau, die selbst des Nachts durch das Eindringen derMo-kitos keine Nuhe fand. Das Schrecklichste aber war für sie die Menge der Schlangen;sie hatte eine Furcht davor, die sich trotz des so häufigen Anblickes nie abschwächen wollte.Eines TageS wurde eine giftige Tubola auf dem Flure des Hauses losgeschlagen, balddarauf eine Klapperschlange auf dem Grasplätze vor der Veranda, und denselben Tageine 11 Fuß lange, junge Anaconda-Schlange; daß die Erzählungen und grauenhafte»Geschichten der Dienerschaft über bestandene Abenteuer nicht zur Beruhigung der arme»Frau dienten, ist selbstverständlich. Sie faßte schließlich den Vorsatz, ihr Haus mit keinemSchritte zu verlassen, und führte ihn, zum Verdruß ihres wilden, furchtlosen Manne«auch wirklich aus.

An einem schönen Sommermorgcn machte sich Letzterer früh auf, um auf eine«entfernten Theil seiner Besitzung die Arbeiter beim Urbarmachen deS Landes zu coutro-lircn. Natürlich that er dicS zu Pferde und führte selbstverständlich sein gutes Doppel-gewehr mit sich, ohne das kein Pflanzer dortiger Gegend sich auch nur hundert Schrittev»n seinem Hause entfernt. Beide Läufe waren mit Posten geladen, die selbst bei derBegegnung eines Jaguars vollkommen genügen konnten. Die Koutrole hielt Herr»Barclay ziemlich lange auf, und es war hohe Mittagszeit, als er durch den schmale»Wald hcimritt, der zwischen seinem Hause uud dem Felde lag. Um diese Tageszeitherrscht in den tropischen Waldungen eine Todlcnstille, die das Zirpen der Grille, da«Summen deS glänzenden Käfers, der von Blume zu Blume fliegt und weithin gehörtwird, nur noch fühlbarer macht. Die großen riesigen Bäume, die üppige Vegetation zuihren Füßen, Alles scheint zu schlafen und träumend Siesta zu halten. Nichts aber zeigtdie Todcsruhc mehr, als die von den hohen Zweigen herabhängenden Liancngewinde, die«lS Guirlanden mit den schönsten Blüthen von einem Baume zum andern sich ziehen,und zu allen andern Tageszeiten v»m leisesten Winde sich hin- und herschankelu undbalsamischen Duft aushauchen. Jetzt zur Mittagszeit, hängen sie todt und steif, al«wärcn sie von Draht gemacht.

Durch diese Scenerie ritt der Pflanzer, versunken im Beschauen der üppigen Natur,als er Plötzlich aus seinen Träumen geweckt wurde, denn dicht vor ihm bewegte sich,mitten in der Nuhe, ein herabhängendes Liancngewinde Er wartete einige Augenblicke,bis die Bewegung aufhörte, und da sein Pferd durchaus keine Furcht verrieth, was esin der Nahe eines Puma oder Jaguar bestimmt gethan hätte, ritt er vorsichtig näher.Lange spähte er vergeben«. Endlich sah er zu seinem Entsetzen auf einem hohen, dickenAste eine schwarze Anakonda-Schlange, die den Schwanz um den Ast gewickelt, den Kör-per zusammengerollt, den Kopf wohl zwei Fuß erhoben hielt, also bereit war, auf dasnahende Opfer herabzuschießen. Der Pflanzer stieg behutsam vom Pferde, fand baldeine Stelle, von wo aus sich der Kopf des Ungethüms klar gegen den blauen Himmelabzeichnete und schoß. Er hatte gut gezielt, denn nur einmal zischte die Schlange nochauf, dann erhob sie sich und siel mit mächtiger Wucht, unter dem Prasseln der Zweigezur Erde. Der Vorsicht halber schoß er noch einmal, trennte dann mit seinem Jagd-messer den zerschossenen Kopf vom Rumpf, und kam auf den unglückseligen Gedanken,die Beute mit nach Hause zu nehmen.

Durch einen Lcderriemen befestigte er sie an den Sattel, und schleifte das über28 Fuß messende Thier langsam nach. Vor der Veranda angekommen, machte er Halt,legte den todten Körper zusammengeringelt hin und begab sich zur Siesta, da er wußte,daß die glühende Hitze des Tages auch seine Frau zur Nahe getrieben. AtS es kühlergeworden, weckte er sie, erzählte ihr sein Abenteuer, suchte ihr die Furcht vor Schlange»