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«uSzureden und überredete sie endlich, mit ihm in den Garten zu gehen und seine Trophäezu bewundern. Zögernd that sie es, er führte sie so nahe heran, daß sie keine fünfSchritte von dem Rumpfe entfernt war, da — Entsetzen! schießt ein schwarzes Ungeheuer«uf die Frau loS, beißt sie in die Wange und verschwindet pfeilschnell in hohem Grase!
Das Ganze war das Werk eines Augenblicks, die Frau schrie furchtbar auf, fielihrem Gatten ohnmächtig in die Arme, der noch immer zu träumen wähnte, denn derKörper der gctödtctcn Schlange lag unbeweglich vor ihm. Leider war es aber schrecklicheWahrheit. Das Weibchen des gctödtcten Thieres war der Blutspur gefolgt, hatte sichunter den Körper dcS todten Männchens zusammengeringelt, war wüthend bei der An-näherung des Paares hervorgeschofsen und nach dem Bisse wieder entflohen. Die FrauLlicb lange in ihrer Betäubung befangen, endlich erwachte sie unter den heftigstenKrämpfen und hauchte folgenden Tages, trotz aller Gegenbemühungen, ihr Leben aus.
^ Viele seltsame Geschichten werden von den von blinden Bettlern angesammeltenReichthümern erzählt, und Paris scheint ihr Paradies zu sein. Zwei nette Geschichtencourstrcn gegenwärtig über das gute und gedeihliche Geschäft dieser Blindheit. Die erstebetrifft einen vermeintlich blinden Mann, der eine neue Methode des Taschendiebstahlserfunden. Er durchwandert die Straßen mit dem traurigen, nach aufwärts gerichtetenAntlitz eines Blinden, bis er zu einer lebhaften Passage kommt, wo er alle Zeichen derFurcht, die Straße zu kreuzen, merken läßt. Er fleht das Mitleid der Vorübergehendenan, ihm aus seiner Verlegenheit zu helfen. Irgend ein mitleidiger Herr erfaßt seinenArm und führt ihn über die Straße. Der arme blinde Mann spricht ihm seinen Dankaus, und er geht mit dem Bewußtsein, ein gutes Werk gethan zu haben, seines Weges;wenn er aber kürz darauf nach seiner Nhr greift, findet er, daß er schmählich bestohlcnworden ist. — Der Held in der zweiten Geschichte ist ein wirklich blinder Bettler, denman stets in einem Thorweg am Boulevard Sebastopol, fast vis-ä-vis dem I'Iaoo ckos^rls-ol-Illoliers sitzen sehen kann. Ein Herr passirte oft diesen Weg, und Pflegte demBlinden stets ein Zwei-Sousftück zu schenken, aber eines Tages wirft er aus Verseheneinen Doppel-LouiSd'or in den Hut des Bettlers. Bald nachher entdeckt er sein Ver-sehen und eilt nach dem Boulevard Sebastopol zurück, um sich das Geld wieder gebenzu lassen. Aber statt des blinden Bettlers findet er einen Krüppel. — „Wo ist derBlinde?" fragte er; „Sie meinen wohl Monsieur Benjamin?" erwidert der Krüppel.„So eben ist er nach Hause zum Frühstück gegangen." — „Ist es weit?" — „Nurein Paar Schritte in der liuo ein l'olit Lurrvuu.^ Dort angekommen, fragt der Herrden Concierge: „Wohnt Monsieur Benjamin hier?" — „Ganz recht, zweiten Stock,Thüre rechter Hand," — lautet die prompte Antwort. Er steigt die Treppe hinauf undzieht die Klingel. Ein nett gekleidetes Dienstmädchen öffnet. Er wird auf Befragen,ob er Monsieur Benjamin sprechen könne, in ein elegantes Vorzimmer geführt, welchesdie Einsicht in ein Speisezimmer gestattet, wo eine Tafel mit feinem, weißen Gedecke,Krystall und Silber, bewundernswürdig arrangirt ist. Ehe er noch daran denken kann,ob hier nicht ein Irrthum seinerseits obwaltet, wird er in ein in türkischem Geschmackausgestattetes Gemach geführt, wo der Blinde mit lächelnder Miene auf einem Divansitzt. „Sie wünschen mich zu sprechen," beginnt er das Gespräch. „Ja, mein Herr!"erwidert unser Freund, fast verwirrt. — „Es thut mir sehr leid, Sie zu stören, aberich glaube, — oder vielmehr vermuthe, — daß, als ich heute Morgen den BoulevardSebastopol passirte, ich Ihnen durch Versehen anstatt zwei Sous, zwei Louis gab." —Mit größter Kaltblütigkeit sagte der Blinde: „Sehr leicht möglich — ich habe meineKassa noch nicht nachgezählt; waltet ein Irrthum ob, nichts leichter, als ihn zu rectifi-ciren." Er zieht die Glocke und beauftragt das eintretende Mädchen, Monsieur Ernst