Ausgabe 
29 (8.8.1869) 32
 
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aber sie ist keineswegs mit dieser an sich schon gleichbedeutend. Von wie vielen Schulennnter tausend läßt sich sagen, daß sie diese Möglichkeit gehörig ausbeuten, anstatt beigeschlossenen Fenstern und Thüren die Luft selber zusehen zu lasten, wie sie sich durchzufällige Spalte, Ritzen und Poren der eingesogcnen schädlichen Bestandtheile wieder ent-ledigt?

Bisher hat auf Verminderung der von einem Lehrer gleichzeitig zu unterrichtende»Schülerzahl wesentlich nur das pädagogische Interesse hingewirkt. Es gibt eine Zahl vonKöpfen, über welche hinaus selbst der einfache Unterricht aufhört, wahrhaft ergiebig zusein; und diese Zahl wird in der großen Mehrheit unserer Volksschulen immer noch über-schritten. Fortan wird, wie man hoffen darf, ein nicht minder mächtiges hygienischesMotiv diese Tendenz verstärken. Wichtiger am Ende noch, als positive Erreichung desZweckes, zu welchem ein Kind die Schule besscht, ist, daß cS in derselben seine Gesund-heit nicht cixbüße. Die Gesundheit kann aber nicht unbeschädigt erhalten bleiben, wen»in einem mäßig großen Zimmer fünfzig und mehr kleine Leute mehrere Stunden hintereinander zu bringen. Dieser Satz bleibt bestehen, auch wenn durch pünktlichste Ocffnungvon Thüren und Fenstern während der Unterrichtspanscn dafür gesorgt wird, daß sie beiihrer jedesmaligen Versammlung eine vollkommen athcmbare frische Luft vorfinden; jaselbst dann, wenn künstliche Ventilation alle ihre Mittel an dem betreffenden Raumeerschöpft. In einem Zimmer, besten Größe die Grenzen bequemer pädagogischer Bchcrsch-barkeit nicht übersteigt, das also etwa 25 Fuß lang, 22 Fuß breit, 16 Fuß hoch wäre,sollten der Regel nach nicht mehr als 30 Schüler aufgenommen werden. Dieselbe Höchst-zahl wird ungefähr auch unter dem spezifischen Gesichtspunkt des Lehrers richtig befundenwerden; in manchen höheren Uutcrrichtsanstalten gilt sie als solche bereits und zwaraugenscheinlich nicht, weil sie aus hygienischen, sondern weil sie aus pädagogischen Motive»sich empfiehlt.

Die Übeln Wirkungen verdorbener Luft auf Schulkinder treten nicht in bestimmte»einzelnen Krankheiten oder Schwächen hervor. Allein sie haben sicher ihren Theil daran,wenn nnter Knaben wie Mädchen so häufig eine krankhafte Bläffe, ein gestörter und ver-kümmerter Appetit, mangelhafte Muskclcntwickelung, geringe geistige Schwungkraftbeobachtet wird. Sie hindert die Blutbcreitnng, weil der dieselbe bedingende AthmungS»Prozeß durch sie beeinträchtigt wird. Blutarmuth, Skropheln, chronische und akute Lnngen-krankheiten sind ihre nur zu natürlichen Folgen. Die Mittheilung von Ansteckungsstoffenwird durch sie erleichtert, weil die Zirkulation in dem Luftraum des Zimmers stockt undschwebende giftige Organismen mikroskopischer Art nicht rasch genug auSgetricben werden.Kurz, um das Mindeste zu sagen, muß man Pettenkofcr darin beipflichten, daß derlängere Aufenthalt in einer Schulluft, wie sie gewöhnlich leider ist, die Widerstandsfähig-keit des Körpers gegen krank machende Einflüsse aller Art herabsetzt.

Unmittelbar nachweisen lasten sich die Schäden, welche aus nicht genügender Helleder Schulzimmcr und ungeeigneter Konstruktion von Tischen und Sitzen hervorgehen. Dahaben wir auf der einen Seite die Kurzsichtigkeit, auf der anderen die RückgratSvcrkrüm-mungen. Die Ueberzahl kurzsichtiger Knaben, die Zunahme dieses Fehlers mit der Zahlder in der Schule verbrachten Jahre ist Lehrern, Aerzten und sonstigen Beobachtern schonlange aufgefallen. Aber erst de» letzten Jahren gehören exakte und hinreichend umfäng-liche statistische Untersuchungen darüber an, in welchem Grade das Eine wie das Andereder Fall sei. Das Hauptverdienst hat sich um diese Fragen Dr. Lohn in Breslan erwor-ben. Er hat über zehntausend Paar Augen von Schulkindern gemessen und ermittelt, daßdie Kurzsichtigkeit mit dem Aufsteigen in den Klaffen bei Elementarschulen von 2 bis zu9 von 100 wächst, in Realschulen fast der fünfte, in Gymnasien mehr als der vierte Theilsämmtlicher Schüler kurzsichtig ist, in der Prima beider Arten von höheren Unterrichts-anstaltcn aber so ziemlich die Hälfte. Man kann danach unmöglich anders, als eine«Zusammenhang zwischen der Ausbreitung der Kurzsichtigkeit und der Dauer des Verwei-