Ausgabe 
29 (22.8.1869) 34
 
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keine halbe Stunde rüstig fortgeschritten auf der an den nackten, himmelanstrebendenFelsen sich fortschlängelnden Bergstraße, als er schon dpn alten Silbermüller mit seinerTochter im Geleite jener beiden Tiroler in der Ferne ansichtig wurde, und daher seineSchritte verdoppelte.

Bald hatte er die Wanderer eingeholt, und trat mit seiner gewöhnlichen Freimüthig-keit zu dem Alten, welcher ihn kaum anblickte.

Silbermüller," redete er diesen an,Du hast einen Groll auf mich, dessen GrundDu mir erst entdecken mußt, da ich mich nicht erinnern kann. Dich auch nur mit einemBlicke beleidiget zu haben."

Hast, scheint's, gar ein kurz Gedächtniß," erwiderte rauh der Alte.Aber wozunoch Erklärungen? Du weißt, was Du zu erwarten hast d'Lenerl bekommst nit."

ES müßt' denn sein," lachte Dreißlcr,der Erzherzog von Oesterreich wirbt selbstum sie für Dich beim Silbcrmüllcr."

Silbermüller," sprach Franzl, durch den Spott auf's Acußcrstc gebracht, undvertrat dem Alten den Weg,schaust, ich laß Dich nit von der Stell', bis Du mir nitdie Ursach' Deiner plötzlichen Feindschaft sagst."

Bube!" brauste dieser auf,willst Du mich noch einmal höhnen, wie Du esschon gethan hast, als mir der zweite Schuß mißlang?!"

Ich Euch gehöhnt?" fragte Franzl voll Erstaunen.

Schaut's, jetzt spielt er noch gar den Unschuldigen," bemerkte Dreißlcr halblaut,sich zu Silbermüller wendend.

Stand ich doch selbst neben Dir, als Du ein schallendes Gelächter aussticßest,wie der-Silbermüller fehlte," sprach jetzt Wildhauer, mit frecher Stirne vor Franzlhintretcnd.

Elender Vcrläumder!" schrie dieser außer sich und schlug den Wildhauer so ge-waltig in's Gesicht, daß er zu Boden stürzte.

Was? Du willst Dich an uns vergreifen?" rief Dreißlcr, indem er mit erho-benem Alpeustocke auf Franzl zusprang.

Vater! um's Himmelswillen," schrie Leni in heftigster Angst.

Keinen Schritt vorwärts. Du elender Mensch," donnerte Franzl, indem er seineArmbrust auf Dreißlcr anlegte, vor welcher dieser voll Schrecken einige Schritte zurück-prallte.Ich weiß nun, was die Ursache ist," fuhr Franzl hierauf fort,und werdemit Euch Beiden noch darüber rechten. Du aber, Silbcrmüllcr, sei nit zu voreilig.Wir werden uns wiedersehen, wenn Du ruhiger geworden bist."

Mit diesen Worten war er in dem nahen Fichtcnwalde verschwunden.

Schimpfend hatte sich indeß Wildhauer, der durch den Schlag zwei Zähne einge-büßt hatte, von der Erde aufgerafft und schwur, sich blutig für diese Beleidigung anFranzl zu rächen. Auch Dreißlcr stimmte in dieses Lied ein, und spie alle seine Galleauf den jungen Schützen aus. Nur Silbermüller, welcher mit seiner Tochter ganz ver-wundert der unerwarteten Begebenheit zugesehen halte, war nachdenkender geworden, undging schweigend an Leni's Seite die Bergstraße hinan, welche sich um das kahle Fels-gebirg nach dem Dörfchen Straß himvand.

Franzl aber war, fast außer sich vor Wuth und Verzweiflung, durch das Dickichtdes Waldes fortgerannt, ohne selbst zu wissen, wohin er eigentlich wollte. Immerwüster und fürchterlicher wurde die Wildniß um ihn her. Ungeheure Kalkfclscn, die vonoben bis unten zum Theil geborsten, zum Theile in Steinströme zerbröckelt waren,ragten an beiden Seiten zwischen wild verworrenem Gestrüppe und verkrüppelten Noth-tannen empor. Viele dieser Bäume lagen zerschmettert, astlss und dürre durcheinanderhingestreckt, als das Denkmal einer Lawine, welche einst diesen Strich verwüstete. Eswar eine Gegend, über welche die Natur alle ihre Schrecken verbreitet zu haben schien.Tiefe, melancholische Stille herrschte rings umher, nnr zuweilen schlug das dumpfe